7.3

MB-Kritik

Sie glauben an Engel, Herr Drowak? 2025

Comedy, Drama

7.3

Luna Wedler
Karl Markovics
Lars Eidinger
Jan Bülow
Dominique Pinon
Saga Agnes Susanna Sarkola
Nikolai Gemel
Bettina Stucky
Christopher Buchholz
Thelma Buabeng
Cihan Inan
Uke Bosse
Andy Herzog
Vera Flück
Paul Schröder
Barbara Colceriu

Inhalt

Die lebensfrohe Studentin Lena (Luna Wedler) glaubt fest an das Glück und das Gute im Menschen. Im Rahmen eines sozialen Projekts wird sie vom Amt als Schreibtrainerin zu Hugo Drowak (Karl Markovics) geschickt, der sein Glück schon lange verloren hat und allein in einem heruntergekommenen Hochhaus lebt. Trotz seiner notorischen Gemeinheiten gibt Lena nicht auf, ihn für den kreativen Prozess zu begeistern. Sie  ist überzeugt, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient. Widerwillig beginnt Drowak über die Liebe seines Lebens zu schreiben und weckt damit die Dämonen seiner Vergangenheit. Als Lena den Zusammenhang begreift, stellt sie sich ihnen entschlossen entgegen.

Kritik

Was machen all diese quirligen lebensfrohen jungen Film-Frauen-Stereotypen wie die weibliche Hauptfigur s (Dig Deeper) Spielfilm-Debüts eigentlich, wenn sie sich nicht von hasserfüllten alten weißen Männern beschimpfen und beleidigen lassen, nur um ihnen etwas Existenzielles zu verschaffen? Neue Lebensfreude, Selbsterkenntnis oder, wie im Falle des aggressiven Titelhelden (Karl Markovics, Der phönizische Meisterstreich) des patriarchalischen Plots: ein Last-Minute-Ticket in den Himmel? Selbiger ist ein physischer Ort inklusive der titulieren Engel in dem magisch-realistischen Masochismus-Märchen, dessen problematische Message so altväterlich wirkt wie die vorhersehbare Handlung. 

Jene etabliert das schwarz-weiße Szenario mit einigen Aufnahmen brutalistischer Beton-Bauten als kalte Tristesse. In der sorgte eine so benannte Behörde für Ruhe und Ordnung für selbige. Der Behördenleiter (Lars Eidinger, Man of Tomorrow, der hier mehr Lars Eidinger spielt als einen Behördenleiter) möchte renitente Problemfälle wie Hugo Drowak, der Passanten aus seiner zugemüllten Wohnung mit Pissbomben bewirft, mittels Kunst-Kursen bekehren. Da Drowak sich als einziger für den Schreibkurs der gesprächigen Studentin Lena (Luna Wedler, Silent Friend) eingetragen hat, besucht sie den übergriffigen Alkoholiker regelmäßig und entdeckt sein poetisches Talent.

Männliches Genie und eine an Drowaks Egoismus gescheiterte Beziehung dienen als Rechtfertigung seiner Menschenfeindlichkeit. Die entlud sich in jüngeren Jahren gegen seine Partnerin Ana (Saga Sarkola) und findet in der Gegenwart erneut ein weibliches Ziel in Lena. Der Dank dafür, dass sie bewusst verletzenden, oft sexuell anzüglichen Schikanen duldet, ist ein hingekritzeltes „Danke“, das lediglich indirekt ausgesprochen wird. Nicht nur zementieren der Regisseur und Drehbuchautorin  Bettina Gundermann das sexistische Trope des Manic Pixie Dream Girl in besonders reaktionärer Weise, sondern stellen Drowak als Mitleidsfigur dar. 

Weil ihm die Trennung von Ana missfällt, erscheint er indirekt als Opfer weiblicher Hartherzigkeit. Sie solle ihm doch einfach verzeihen, impliziert die manipulative Inszenierung, die seine Reue und Psycho-Pein in realen und surrealen Szenen ausgiebig zeigt. Dahingegen bleiben die Auswirkungen seiner Brutalität und Boshaftigkeit weitgehend unsichtbar. Diese dramatischen Muster bestätigen eng miteinander verwobene toxische Narrative: Männliche Aggressivität entspringt missverstandener Liebe; ein aggressiver Partner ist das wahre Opfer in einer missbräuchlichen Beziehung; Männer leiden viel mehr als die Frauen, an denen sie ihre Wut auslassen. 

Obendrein steckt in einem toxischen Typen ein verkanntes Genie, dessen Kunstwerke seine schlechten Seiten überstrahlt. Ein halbherziges Wort macht alles wieder gut und selbst der übelste Kerl verdient das Himmelreich. Eine Nebenhandlung um Drowaks Nachbarn Edgar (Dominique Pinon, Memoiren einer Schnecke) dessen Frau seine schauspielerischen Ambitionen verhöhnt, unterstreicht die misogynen Tendenzen. Edgars Gattin erstickt an ihrem Essen und dank dessen kann er seine Schauspielleidenschaft endlich ausleben. Eine Frau, die männliches Talent nicht ernst nimmt, verdient den Tod, der wiederum zum Witz degradiert wird. Ganz ohne Engel. 

Fazit

Ein paar kunsthandwerkliche Stilmittel wie eine farbige Vergangenheit, die sich langsam zur schwarz-weißen Gegenwart entsättigt, oder bedrohliche Figuren mit Rattenmasken können keine Originalität vorgaukeln. Der ästhetische Reiz der monochromen Optik nutzt sich schnell ab. Hinter scheinheiliger Systemkritik und seichter Sozialsatire steckt eine schematische Story, deren gestrige Narrative kafkaeske Anleihen und absurde Komik verzuckern sollen. Aus dem namhaften Ensemble bringen besonders Luna Wedler und Karl Markovics gute Leistungen. Doch die sind kein Ausgleich für die problematischen Tendenzen einer in ihrer Rehabilitierung toxischer Männlichkeit traurig zeitgemäßen Inszenierung. 

Autor: Lida Bach
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