Inhalt
Eine Geschichte von Verlust und Sehnsucht vor der Kulisse der atemberaubenden Landschaften Zentralasiens.
Kritik
Der lange historische Schatten der Sowjet-Ära und der Widerhall ihres destruktiven Einflusses in gegenwärtiger Grenzziehung untermauern Narghiza Dotievas herbe Coming-of-Age-Story mit einem für ein Jugenddrama seltenen politischen Problembewusstsein. Die ethnischen Spannungen zwischen den benachbarten Bevölkerungsgruppen an der Grenze Kirgisistans und Tadschikistans beenden die sorglose Kindheit des jugendlichen Protagonisten. Zerrissen zwischen der innigen Beziehung zu seiner Großmutter und den ideologischen Impulsen seiner aggressiven Altersgenossen verkörpert der 16-jährige Aibek die soziologischen Konflikte einer Generation zwischen Abschied und Aufbruch.
Dieses motivische Gegensatzpaar verstärkt die Figur Aibeks abwesender Mutter, die ihn vor Jahren bei der Mutter ihres Ehemannes zurückließ. Obwohl der friedfertige Junge bei seiner Großmutter eine glückliche Zeit verlebt, nagt an ihm die Sehnsucht nach seiner Mutter. Über ihren Verbleib kursieren widersprüchliche Gerüchte in dem kleinen Ort, den die kirgisische Regisseurin und Drehbuchautorin in sonnigen Szenen als provinzielles Idyll zeichnet. Die nationale und soziale Eintracht der Menschen unterschiedlicher Kulturkreise zerreißt im doppelten Sinn die neugezogene Grenze.
Sie gilt selbst für die Toten, muss Aibek bitter lernen, als er seine Großmutter Geiß ihres letzten Wunschs neben ihrem Ehemann auf der tadschikischen Seite beisetzen möchte. Die Kulturtraditionen und Bevölkerungsrechte werden durch die staatliche Spaltung verwehrt, die sie schützen soll. Aibeks Schuldgefühle aufgrund der unerfüllten Pflicht illustrieren die Ohnmacht des Individuums gegenüber einer inhumanen Bürokratie. Lokale Vignetten zwischen Warmherzigkeit und eruptiven Konfrontationen fügen sich zu einem narrativen Mosaik, dessen fragmentarische Struktur die historischen Risse spiegelt.
Fazit
Malerische Landschaftspanoramen verleihen Narghiza Dotieva schlichtem Spielfilm-Debüt, das in der Sektion Asian New Talent in Shanghai Premiere feiert, einen epischen Rahmen. Die Weite der Bergkulisse schrumpft die mitmenschlichen Konflikte des kleinen Ensembles, dem Newcomer und Laien eine naturalistische Atmosphäre geben. Dagegen bewegen sich die prototypischen Figuren nah an konstruierten Stereotypen mit ihren ungelenken Dialogen. Abrupte Wendungen und lose Handlungsfäden erodieren die emotionale Wirkung der unebenen Inszenierung. Dotievas dokumentarische Erfahrung und dramaturgische Ambitionen kollidieren, gleich kollektiven Interessen und staatlichen Ansprüchen auf der Leinwand.
Autor: Lida Bach