Inhalt
In der Hoffnung, in der Luxuswelt Fuss zu fassen, schreibt sich Charlie am letzten Mädchenpensionat der Schweiz ein. Während eines Sommers lernen Frauen aus aller Welt die Codes von Eleganz, Etikette und Konversation, die sie auf elitäre gesellschaftliche Kreise vorbereiten sollen.
Kritik
Die ideosynkratische Dynamik tradierter Institutionen, die Mateo Ybarra (Camp d'été) in seiner 2025 erschienen Dokumentation Summer Camp beobachtete, und die bizarre Artifizialität soziologischer Simulationen seiner Debüt-Doku LUX verbindet der Schweizer Regisseur nun in seinem dritten Langfilm-Projekt. Jenes begibt sich in das letzte Schweizer Pensionat für höhere Töchter; eine Benimm-Schule, in der die jungen Frauen aus den obersten Gesellschaftsschichten elitäre Etikette Qualitäten erlernen: vornehme Konversation, tadellose Tischmanieren und den besten ersten Eindruck zu machen, wenn sie eine Treppe hinuntersteigen.
Gelegen in passend gehobener Position mit Blick auf den Genfer See, ist Villa Pierrefeu die reale Institution, in der die von Hélène Bares verkörperte Charlie mit den anderen Schülerinnen die ungeschriebenen Codes der Oberschicht erlernt. Das horrende Lehrgeld von 30.000 Euro fungiert als monetären Mechanismus der Auslese, der Anwärterinnen niederer Herkunft an der Infiltration der oberen Kreise hindert. Dennoch ist die Protagonistin nicht ganz so gutsituiert wie ihre Kommilitoninnen, was sich sogleich in höherem Korrekturbedarf niederschlägt.
Das von einer augenscheinlich rein weiblichen Lehrerschaft vermittelte Regelwerk ist ein diffiziles System aus Kleidungsvorschriften, Redegeboten, Gesellschaftsmanieren und Haltungslehre. Gesten sollen nicht unsicher sein und nicht zu ausdrucksvoll. Jede Körperposition ist eine Pose, jede Bewegung geschieht bewusst. Als wolle sie Klandestin von den Luxus-Lektionen lernen, hält sich die observative Kamera dezent im Hintergrund, ohne Kommentar oder Fragen. Der von der Ausbildung vermittelte Eindruck ist der eines sorgsam einstudierten Schauspiels auf einer mit Geld gepflasterten gesellschaftlichen Bühne.
Fazit
„I‘m not supposed to talk about love, politics, money - all my favorites subjects.“, resümiert Hélène Bares als souverän verkörperte Novizin der letzten Schweizer Finishing School. Diesem Gebot folgt scheinbar auch Mateo Ybarra, der die Themen ebenfalls vermeidet. Dennoch sind sie unterschwellig beständig präsent, genauso wie das Bewusstsein für soziale Hierarchien. Jene werden durch den Verhaltensunterricht nicht nur vermittelt, sondern zementiert. Doch Motivation und Auswirkungen institutionalisierten Klassismus tangieren den oberflächlichen Blick auf ein faszinierendes System nicht.
Autor: Lida Bach