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Ein queerer Filmemacher wird beauftragt, einen neuen Teil einer Slasher-Reihe zu drehen. Der Regisseur ist fest entschlossen, das „Final Girl“ aus dem Originalfilm zu besetzen, und die beiden Frauen geraten in einen Rausch psychosexueller Manie.
Kritik
„Zombie IP“ nennt Jane Schoenbruns (I Saw the TV Glow) Leinwand-Alter-Ego Kris (eine fantastische Hannah Einbinder, Strange Planet) die Studio-Strategie, alte Film-Franchises, die aufgrund ihrer Homophobioe, Transphobie und Misogynie problematisch geworden sind, von queeren Filmschaffenden rebooten zu lassen. So wird drohende Kritik für das Zementieren reaktionärer Klischees in Lob für Toleranz verwandelt, das brachliegende kommerzielle Potenzial ausgeschöpft, und idealerweise entsteht ein zeitgenössisches Kult-Kinowerk, inklusive einer neuen Gruppe Zielpublikum. Eine ähnliche Taktik verfolgt offenbar auch die Programm Direktion Cannes. Sie eröffnet die wichtigste Nebensektion des Festivals erstmals mit dem Werk einer trans nonbinary Regisseurin.
Dass ihre Karriere in irgendeiner Form einen solchen Twist bergen würde, war Schoenbrun scheinbar lange bewusst. Ihre schillernde Slasher Hommage ist zugleich messerscharfe Meta-Attacke der kommerziellen Kommodifikation queeren Kinos. Dessen inhärente Affinität zum Horror-Genre und Midnight Movie. Deren Pulp Ästhetik rekreiert Mila Matveeva grandioser Vorspann. Die grobkörnige, farbsatte VHS-Optik von Texas Chain Saw Massacer, Friday 13th, Nightmare on Elm Street & Co. begleitet eine Parade Merchandise, Zeitungsartikeln sowie sich sukzessive verschlechternden Sequels des titelgebenden Slashers. Der blutrünstige Low-Budget-Horror „Camp Miasma“ wird Anfang der 80er zum Überraschungshit.
Der in täuschend echten Ausschnitten im Stil der genannten Kult-Werke Tobe Hooper, Sean S. Cunningham und Wes Cravens in die Handlung gewebte Film bietet die üblichen Stereotypen. Das schüchterne Final Girl, im Film-im-Film gespielt von Billy Presley (Amanda Fix), ihrer sexy beste Freundin und aufgedrehte Clique, ein verlassenes Sommerferienlager und ein speerschwingender Serienkiller namens Little Death (Jack Haven, Queens of the Dead). Zwischen splatterigen Kills auf First-Person-Perspective und Blutfontänen lauern Szenen hypnotischer Intensität, die Horror-Fan Kris genug faszinieren, um sich an eine Neuauflage des „Miasma“-Franchise zu wagen.
„Sundance Wunderkind“ Kris ist unverkennbar eine Version Schoenbruns, deren vorige Spielfilme auf dem Festival gefeiert wurden. Dieses autofiktionale Element erweitert in gleichsam selbstironischer und sensibler Form die Meta-Ebene der imaginativen Inszenierung. Ihre Recherche führt Kris in das abgelegene Sommerferienlager Camp Tivoli, das einst als Drehort diente. Nun ist es Heim Billy Presleys (Gillian Anderson, Tron: Ares) die sich nach „Miasma“ aus der Filmbranche und Öffentlichkeit zurückzog. Als Norma Desmond des Splatters - wie sie Kris‘ Managerin umschreibt - ist die glamouröse Billy selbstsicheres Subjekt einer Begierde, die mehr intellektuell ist als sexuell.
Bergeweise Süßigkeiten fungieren als ironischer Verweis auf die von Kris im Gespräch mit ihrem Idol angedeutete Asexualität. Beider Annäherung entsteht aus einer Mischung aus Fetischismus für und Fluchtphantasie in die Filmwelt, die Kris zu neuem Leben erwecken will. Die Folgen sind wie erwartet und erhofft blutig, aber mehr noch amüsant dank des morbiden Humors und überbordenden Detail-Reichtums. Vom DVD-Auswahl-Screen über „Little Death“-Sammelfiguren bis zu den haptischen Effekten und der Vintage-Optik atmet Schoenbruns geschliffenes Splatter-Poem den Geist des Genre-Kinos, das für queere Menschen eine ambivalente Identifikationsfläche darstellt.
Fazit
Der finale Teil Jane Schoenbruns „Screen“-Trilogie zeigt die gleiche Faszination für Retro-Ästhetik, gesellschaftliche Außenseiter, filmische Fundstücke mit einem eigenen Leben, und erschafft dennoch etwas gänzlich Neues. Gillian Anderson und Hannah Einbinders sinnliche Chemie, die Furcht mit Verlangen verbindet wird zum emotionalen Fixpunkt des allegorischen Plots. Distinktive Stilmittel, Brandon Tonner-Connolly und Matt Hyland grandioses Produktions-Design und ein nostalgischer Soundtrack Schoenbruns Stamm-Komponisten Alex G. beschwören eine dichte Atmosphäre melancholisch-makaberer Nostalgie. In vollem Bewusstsein der toxischen Aspekte vergangener Kult-Filme und Klassiker verschmelzen Dekonstruktion und Reanimation zu einem Genre-Juwel.
Autor: Lida Bach