Inhalt
In naher Zukunft, während unerbittlicher Sommerferien und vor einer Sonnenfinsternis, sucht die 12-jährige Bego ihren Platz in der Familie und unter gleichaltrigen Mädchen. Als der Mond Tiere und Menschen ringsum zu verfinstern scheint, begegnet sie REN__ online.
Kritik
„Meinen Liebesbrief an ein verschwundenes Internet“, nennt Lucila Mariani derivatives Debüt-Kinostück. Das ist indes eher ein Liebesbrief an ihre eigene vermeintliche kreative Erleuchtung. Für jener spürt man indes wenig in der rudimentären Handlung mit auffälliger Ähnlichkeit zu Jane Schoenbruns We’re all Going to the World‘s Fair. Dessen immersive Atmosphäre und psychologische Differenziertheit sind weit entfernt von Marianis späten Nachzügler des Covid19-Kinos, der sich weniger für den digitalen Kosmos vergangener Dekaden interessiert als ihre eigene kindliche Kunstfigur.
Die 12-jährige Bego (Antonia Robolini), die das Ich bereits in ihrem Namen trägt, erscheint ebenso verklärt wie der als ihr paratechnologisches Pendant Online-Kosmos. Beide sind noch in der Entwicklung begriffen, beide bergen ungeahntes Potenzial, beide werden zu überwältigender globaler Bedeutung wachsen. Dass der reale künstliche Werdegang der Regisseurin und Drehbuchautorin nicht ganz den selbstvernarrten Superlativen entspricht, passt zur romantisierten Retrospektive auf die damaligen Geräte und Online-Sphäre. Letzte erscheint als ein Selbsterkundung und Selbsterkenntnis ermutigender Schutzraum.
Anonyme Kontakte wie Begos Chat-Freundschaft mit der virtuellen REN__ schaffen rein positive Erfahrungen wie das „Shifting“. Das parapsychologische Ritual eröffnet mittels luziden Träumens alternative Realitäten. Eine mysteriöse Online-Bekanntschaft, eine auf den Bildschirm fixierte Hauptfigur, ein geheimnisvolles Ritual, das essenzielle Wandlungen des Selbst verspricht: den überdeutlichen Parallelen zu World‘s Fair fehlt die formale Faszination. Begos komfortables Zuhause konterkariert die behauptete ökonomische und infrastrukturelle Instabilität. Als selbstzweckhaftes Symbol neben Sommerferien und Sonnenfinsternis markiert diese die prätentiöse Phantasterei.
Fazit
"Möge der Film Zuflucht für Unangepasste sein, die wie ich weiter träumen.“, erhofft sich Lucila Mariani von ihrem unausgegorenen Langfilm-Debüt, das seine interessanten Ideen von überlegenen Filmen übernimmt. Bedeutungsvoll aufgeführte Motive wie Eklipsen und eine endlos ausgedehnte Fernzeit bleiben visuell austauschbar und dramaturgisch vage. Robolinis unsicherem Spiel betont den unentschlossenen Eindruck des Szenarios, das zwischen Coming-of-Age-Story, Fantasy, Tech-Thriller und Sci-Fi changiert. Zum Träumen lädt das naive Nostalgie-Märchen allerdings ein, wenn die betuliche Story in den Schlaf lullt.
Autor: Lida Bach