Inhalt
Für den von Klängen besessenen Tontüftler Berre wird ein Traum wahr: Er darf als Praktikant beim belgischen Radio anfangen und in Hörspielen für Dramatik sorgen. Doch im Mai 1940 steht die deutsche Invasion kurz bevor. Die politische Lage und seine Liebe zur illegal in Belgien lebenden Jüdin Elza bringen den Soundman und seine Welt der Töne in Gefahr.
Kritik
Es gibt nur zwei „Rassen“: Die Rasse der anständigen Menschen und die Rasse der unanständigen Menschen. Gerade deshalb, weil wir wissen, dass die Anständigen in der Minorität sind, ist jeder einzelne aufgerufen, diese Minorität zu stärken und zu stützen.
Viktor Frankl
Der junge Protagonist Berre (Jef Hellemans, The Window) zählt wohl zur Kategorie der anständigen Menschen, denn er ist ein Mensch mit dem Herzen am richtigen Fleck, ein Mensch, der fühlt, der zuhört und zwar mit großer Empathie. Er ist kein Held, sondern eher der klassische Außenseiter mit seinen verschrobenen Eigenheiten. Berre ist fasziniert von Tönen, von Geräuschen und Klängen. Seine Begeisterung für die alltäglichen Geräusche steigert sich teils zu wahrer Ekstase und kann seine Mitmenschen durchaus an den Rand der Verzweiflung treiben. Dabei ist er ein wahrer Künstler auf diesem Gebiet, getrieben von der Perfektion mit dem Ziel, die bestmögliche Geräuschkulisse zu erzeugen. Für Berre sind es nicht nur bloße Alltagsgeräusche, für ihn ist es eine eigene Sprache, über die er viel besser interagieren kann als mit Worten. Töne erzeugen Emotionen, Emotionen erzeugen Töne. Alles ist mit allem verbunden und jeder Mensch und jedes Objekt, selbst jede Stadt hat ihren eigenen Klang.
Die Klangkulisse in The Soundman ist regelrecht poetisch und Regisseur Frank van Passel (Madonna's Pig) hat dabei ein Kunstwerk erschaffen, das man allein mit den Klängen erleben kann. Jedoch sollte man auch den Bildern Beachtung schenken, denn hier entfaltet van Passel ein visuelles Kunstwerk, das hier und da an die Werke von Wes Anderson (Grand Budapest Hotel) erinnert. Das Stadtpanorama von Brüssel wirkt wie ein Gemälde und die Art-déco-Kulisse des Flagey-Gebäudes, in dem sich mit der Radiostation der zentrale Handlungsort befindet, verleiht einen nostalgischen Charme. In diese verträumte, romantische Umgebung eingebettet, entfaltet sich zunächst eine Geschichte über Träume, Hoffnung und Liebe. Doch von Beginn an ist klar, dass die sich bedrohlich am Horizont abzeichnenden dunklen Wolken mit voller Wucht alles zerstören werden.
Die Handlung beginnt fünf Tage vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Belgien. Obwohl man den Ausgang der Geschichte kennt, hofft man dennoch, dass dieser Sturm vorbeizieht, damit nicht alles verloren erscheint. Wäre es doch zu schön, wenn nicht nur Berre seinen Traumberuf als Tonmeister ausüben könnte, sondern auch Elza (Femke Vanhove, Skiff) als Hörspieldarstellerin. Wenn Elza und Berre die zarten Gefühle füreinander weiterentwickeln könnten. Wenn Elza mit ihrer Familie endlich eine sichere neue Heimat gefunden hätte. Warum ist nun Berre aber ein anständiger Mensch nach Viktor Frankls Zitat? Er sieht in Elza nicht die Jüdin, weil er in niemandem etwas Bestimmtes sieht. Für ihn gibt es nur Töne, Resonanzen, Schallwellen und Klangräume. Er hört mehr, als er sieht. Dieser etwas sonderbar wirkende junge Mann ist offen für alle Menschen und geht neugierig durch die Welt.
The Soundman ist rein fiktiv und doch gab es nach Aussage von Regisseur van Passel für die Figuren und die Handlung reale Vorbilder. Aus den Einzelschicksalen bildete er ein Gesamtwerk, um den Tonkünstlern für ihre Bedeutung für Film, Fernsehen und Hörfunk zu danken, wobei die belgischen Tonmeister mit ihrem allabendlichen Beitrag zu den Live-Hörspielen quasi Pioniere auf diesem Gebiet waren. Zugleich war es ihm ein großes Anliegen, an die Schicksale der jüdischen Bevölkerung Belgiens zu erinnern. Der Zeitpunkt der Handlung ist auch hierfür geschickt gewählt, denn so lässt sich gleichzeitig die Panik der politischen Elite vor vermeintlichen Spionen selbst unter jüdischen Geflüchteten und den wahren Kollaborateuren und Sympathisanten in der belgischen Bevölkerung im historischen Kontext verarbeiten, wodurch der Film eine Art Mahnmal wird.
Fazit
„The Soundman“ ist eine poetische Liebeserklärung an die Welt des Tons, der Geräusche und Klänge und zugleich ein bewegendes Historiendrama. Regisseur Frank van Passel schafft es geschickt, beides miteinander zu verweben, verliert sich allerdings manchmal zu sehr in seiner ästhetisch-akustischen Traumwelt, um dem Schrecken der historischen Ereignisse in vollem Umfang gerecht zu werden. Dennoch ist „The Soundman“ ein gelungenes Gesamtwerk mit abwechslungsreicher Handlung, eindrucksvoller Atmosphäre und einer Botschaft, die selbst in dunklen Zeiten Hoffnung vermittelt.
Autor: Andy Mieland