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Guy Ritchie: Der Mann, der dem britischen Gangsterfilm eine neue Sprache gab

GoodGuyMikasch

Von GoodGuyMikasch in Guy Ritchie: Der Mann, der dem britischen Gangsterfilm eine neue Sprache gab

Guy Ritchie: Der Mann, der dem britischen Gangsterfilm eine neue Sprache gab Bildnachweis: © 2022 Kevin Baker/Netflix Inc.

Von Mike Kaminski

Vom Werbefilmer zum Hoffnungsträger des britischen Kinos

Als Ende der 1990er-Jahre ein junger Regisseur mit einem kleinen Gangsterfilm die internationale Filmwelt aufmischte, ahnte kaum jemand, dass daraus einer der prägendsten britischen Filmemacher seiner Generation entstehen würde. Guy Ritchie war weder ein klassischer Filmstudent noch ein typischer Vertreter des britischen Autorenkinos. Sein Weg führte über Musikvideos und Werbefilme in die Filmbranche – und genau diese Herkunft sollte seinen Stil nachhaltig prägen.

Bereits sein Debütfilm Bube, Dame, König, grAS (1998) wirkte wie ein Befreiungsschlag für das britische Genrekino. Während viele britische Produktionen der damaligen Zeit auf Sozialrealismus oder historische Stoffe setzten, präsentierte Ritchie eine energiegeladene Mischung aus Gangsterfilm, schwarzem Humor und popkultureller Coolness. Rasante Schnitte, verschachtelte Handlungsstränge, exzentrische Figuren und ein unverwechselbarer Londoner Straßenjargon wurden schnell zu seinen Markenzeichen.

Der Film entwickelte sich zum Überraschungserfolg und machte nicht nur Ritchie über Nacht bekannt, sondern half auch dabei, Schauspieler wie Jason Statham einem größeren Publikum vorzustellen.

Snatch und die Geburt einer Marke

Mit Snatch – Schweine und Diamanten (2000) gelang Ritchie der entscheidende Schritt vom Geheimtipp zum internationalen Namen. Der Film perfektionierte nahezu alles, was bereits in Bube, Dame, König, grAS angelegt war.

Die Geschichte rund um Diamanten, Boxer, Gangster und Kleinkriminelle verband mehrere Erzählstränge zu einem hochgradig unterhaltsamen Chaos. Figuren wie der von Brad Pitt gespielte Mickey O’Neil oder Benicio del TorosFranky Four Fingers gehören bis heute zu den bekanntesten Charakteren seiner Filmografie.

Vor allem aber etablierte Snatch den Begriff des „Guy-Ritchie-Films“. Gemeint ist damit nicht nur ein bestimmtes Genre, sondern eine klar erkennbare Handschrift: temporeiche Montage, ironische Erzählerkommentare, überzeichnete Kriminelle, trockener britischer Humor und Geschichten, in denen Zufall, Schicksal und menschliche Dummheit oft untrennbar miteinander verbunden sind.

Wenige Regisseure schaffen es, bereits nach zwei Filmen einen derart wiedererkennbaren Stil zu entwickeln.

Snatch – Schweine und Diamanten


Der Fall nach dem Höhenflug

Der Erfolg brachte allerdings auch Probleme mit sich. Anfang der 2000er-Jahre wurde Ritchie zunehmend zur Boulevardfigur. Seine Ehe mit Popstar Madonna sorgte dafür, dass sein Privatleben oft mehr Aufmerksamkeit erhielt als seine Filme. Künstlerisch geriet er erstmals mit Stürmische Liebe – Swept Away (2002) ins Straucheln. Das Remake des italienischen Klassikers wurde von Kritikern verrissen und entwickelte sich zu einem der prominentesten Flops der Dekade.

Auch Revolver (2005) und später RocknRolla (2008) fanden nicht die Resonanz, die sich Studio und Publikum erhofft hatten. Besonders Revolver zeigte einen Regisseur, der sich von philosophischen und spirituellen Ideen inspirieren ließ, dabei jedoch viele Zuschauer verlor. Rückblickend gilt der Film heute als interessantes Experiment, markierte damals jedoch einen deutlichen Karriereknick.

Plötzlich stand die Frage im Raum, ob Guy Ritchie womöglich nur eine kurze Modeerscheinung gewesen war.

Die Wiedergeburt durch Sherlock Holmes

Die Antwort folgte 2009. Mit Sherlock Holmes gelang Ritchie ein bemerkenswertes Comeback. Statt den berühmten Detektiv als intellektuellen Gentleman zu inszenieren, machte er aus ihm einen exzentrischen Actionhelden. Robert Downey Jr. und Jude Law entwickelten eine Dynamik, die den Film trug, während Ritchie seinen Stil überraschend erfolgreich auf ein Mainstream-Publikum übertrug. Besonders die berühmten Zeitlupensequenzen, in denen Holmes Kampfabläufe gedanklich analysiert, zeigten, wie kreativ Ritchie visuelle Erzähltechniken einsetzen konnte.

Der kommerzielle Erfolg bewies, dass sein Stil auch außerhalb des Gangstermilieus funktionieren konnte.

Zwischen Blockbuster und Handschrift

Die folgenden Jahre waren von Vielseitigkeit geprägt. Mit Codename U.N.C.L.E. (2015) schuf Ritchie einen stilvollen Agentenfilm, der erst Jahre später eine größere Fangemeinde entwickelte. Für Disney inszenierte er anschließend die Realverfilmung von Aladdin (2019), die weltweit über eine Milliarde Dollar einspielte und seinen größten kommerziellen Erfolg darstellt.

Gleichzeitig kehrte er immer wieder zu seinen Wurzeln zurück. The Gentlemen (2019) fühlte sich wie eine moderne Weiterentwicklung seiner frühen Gangsterfilme an. Hier verband er die Erfahrung des Mainstream-Kinos mit der Energie seiner Anfangsjahre. Auch Cash Truck (2021), Operation Fortune (2023), Der Pakt (2023) und The Ministry of Ungentlemanly Warfare (2024) zeigten einen Regisseur, der sich zwar innerhalb verschiedener Genres bewegt, aber dennoch erkennbar bleibt.

The Ministry of Ungentlemanly Warfare


Was Guy Ritchie von anderen Regisseuren unterscheidet

Ritchies größte Stärke liegt weniger in tiefgründigen Charakterstudien als in Rhythmus und Inszenierung.

Seine Filme besitzen oft eine musikalische Struktur. Szenen werden nicht allein erzählt, sondern regelrecht choreografiert. Dialoge, Schnitte, Musik und Bildkomposition greifen ineinander wie Zahnräder. Hinzu kommt seine besondere Fähigkeit, komplexe Handlungen überraschend verständlich zu machen. Obwohl seine Filme häufig mehrere Figuren und Erzählstränge gleichzeitig verfolgen, behalten sie meist eine spielerische Leichtigkeit.

Seine Figuren bewegen sich zudem oft in klar definierten Mikrokosmen. Ob Londoner Unterwelt, internationale Spionage oder historische Militäroperationen – Ritchie erschafft Welten mit eigenen Regeln, eigener Sprache und eigenem Humor. Nicht zuletzt besitzt er ein außergewöhnliches Gespür für Casting. Jason Statham, Vinnie Jones, Henry Cavill oder Hugh Grant profitierten in unterschiedlichen Phasen ihrer Karriere von Rollen in seinen Filmen.

Auch im Serienbereich setzt er auf prominente Namen. Für die Serie MobLand versammelte er unter anderem Tom Hardy, Dame Helen Mirren und Pierce Brosnan vor der Kamera – ein weiterer Beleg für seinen Stellenwert innerhalb der Branche.

Kritikpunkte und Grenzen

Trotz aller Erfolge bleibt Guy Ritchie nicht frei von Kritik.

Seine Filme kreisen häufig um ähnliche Männlichkeitsbilder, kriminelle Milieus und archetypische Figurenkonstellationen. Kritiker werfen ihm gelegentlich vor, sich zu stark auf seine etablierten Muster zu verlassen und tatsächlich wirkt manche seiner Arbeiten wie eine Variation bereits bekannter Ideen. Wenn seine Filme scheitern, dann meist dort, wo Style die Substanz überlagert.

Dennoch gehört genau diese Konsequenz zu seinem Markenkern. Ritchie versucht selten, jemand anderes zu sein als Guy Ritchie.

In The Grey und der Stellenwert eines modernen Genre-Autors

Mit In The Grey kehrt Ritchie erneut zu einem Terrain zurück, das ihm besonders liegt: eine Gruppe charismatischer Figuren, ein krimineller beziehungsweise militärischer Auftrag und die Aussicht auf kontrolliertes Chaos.

Der Film erscheint in einer Phase seiner Karriere, in der er längst nicht mehr beweisen muss, dass er erfolgreich sein kann. Vielmehr geht es darum, seine Handschrift weiterzuentwickeln und innerhalb vertrauter Muster neue Akzente zu setzen. Heute nimmt Guy Ritchie eine besondere Position im internationalen Kino ein. Er ist weder klassischer Genre-Regisseur noch reiner Blockbuster-Handwerker. Stattdessen gehört er zu jener seltenen Gruppe von Filmemachern, deren Stil sofort erkennbar ist.

Über fast drei Jahrzehnte hinweg hat er Höhen und Tiefen erlebt, Flops überstanden und sich mehrfach neu erfunden. Vor allem aber hat er etwas erreicht, das nur wenigen Regisseuren gelingt: Er hat dem Kino eine eigene Sprache gegeben.

Und genau deshalb ist jeder neue Guy-Ritchie-Film mehr als nur ein weiterer Genrefilm. Er ist die nächste Variation einer Handschrift, die das moderne Unterhaltungskino nachhaltig geprägt hat.

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