{{ tweet.login }}

{{{ tweet.body | format }}}

Wird geladen...

×
×

Erwähnungen

×

Benachrichtigungen

"Kacken an der Havel" - Kritik zur neuen Netflix Serie

GoodGuyMikasch

Von GoodGuyMikasch in Slapstick auf Crack - Kritik zur Netflix Serie "Kacken an der Havel"

"Kacken an der Havel" - Kritik zur neuen Netflix Serie Bildnachweis: Courtesy of Netflix | © 2024 Netflix, Inc.

Von Mike Kaminski

Inhalt

Kacken an der Havel erzählt die Geschichte von Toni (Anton Schneider aka Fatoni), der seit er denken kann nur ein Ziel verfolgt: raus aus seinem brandenburgischen Heimatdorf Kacken (an der Havel) und rauf auf die großen Bühnen als Rapper. Berlin, Beats, Bars – 18 Jahre lang jagt er diesem Traum hinterher. Der Durchbruch allerdings bleibt aus. Statt Tourbus und Studioalltag gibt es Pizzalieferungen und Kompromisse. Toni schlägt sich als Pizzabäcker durch und lebt mehr von der Idee seiner Karriere als von ihrem tatsächlichen Status.

Als seine Mutter bei dem absurden Versuch stirbt, eine Ente zu retten, wird Toni gezwungen, nach Kacken zurückzukehren. Dort wartet nicht nur die ungeliebte Provinz, sondern ein ganzes Sammelsurium an schrägen Figuren, offenen Rechnungen und Erinnerungen an ein Leben, dem er eigentlich längst entkommen wollte. Und als wäre es nicht genug, trifft er dort auf seinen jüngeren Stiefvater Johnny Carrera (Dimitrij Schaad), eine sprechende Babyente namens Tupac und seinen 13-jährigen Sohn Charly (Sky Arndt), von dessen Existenz er bislang nichts wusste. Parallel dazu eröffnet sich Toni überraschend eine neue Karrierechance, möglicherweise die letzte, vielleicht sogar die größte seines Lebens. Doch während er versucht, noch einmal nach den Sternen zu greifen, holt ihn die Realität ein. Zwischen Showbiz-Fantasie und Dorfrealität muss Toni entscheiden, wer er eigentlich sein will: der Rapper, der er immer sein wollte oder der Mensch, der er bisher nie wirklich war.

Kritik

Der erzählerische Kern ist simpel, wird aber konsequent mit Chaos, Absurdität und Tempo überzogen: Toni stolpert von einer grotesken Situation in die nächste, während ihm die Serie permanent den Spiegel vorhält, als Künstler, als Sohn, als Vater. Dabei prallen zwei Welten aufeinander: das überzeichnete Bild des Musikbusiness und der Alltag in einem Dorf, in dem niemand auf deinen nächsten Release wartet. Diese Reibung ist der Motor der Serie und liefert den Nährboden für eine wilde Mischung aus Comedy, kruder Milieustudie und emotionalen Momenten, die immer wieder überraschend ehrlich ausfallen.

Hinter der Serie stehen Alex Schaad und Dimitrij Schaad, die hiermit ein gutes Gespür für absurde Figuren und überspitzte Alltagsbeobachtungen bewiesen haben. Kacken an der Havel wirkt dabei allerdings auch wie der Versuch, möglichst viele Ideen gleichzeitig auf den Bildschirm zu feuern – und das ist ausdrücklich sowohl Stärke als auch Schwäche der Serie. In ihren besten Momenten fühlt sie sich an wie eine Slapstick-Comedy auf Crack: laut, schnell, überdreht und völlig schmerzfrei, was Tonalität oder Geschmack angeht. Dieses Dauerfeuerwerk an Gags ist beeindruckend, aber auch anstrengend. Viele Pointen verpuffen, andere treffen punktgenau ins Schwarze. Wer ein Faible für Wortwitz hat, wird hier definitiv fündig, denn die Dialoge sind voll von Sprachspielen, Running Gags und bewusst albernen Überhöhungen. Gleichzeitig verlangt die Serie ihrem Publikum eine gewisse Toleranz für Klamauk ab, der nicht immer sitzt, oder vielleicht auch gar nicht sitzen will.

Zahlreiche Gastauftritte aus der deutschen Hip-Hop-Szene unter anderem von Nura, Curse, Romano, Danger Dan oder McLuvin sind klar als Fanservice gedacht und funktionieren genau so. Sie fühlen sich weniger wie organische Figuren an, sondern eher wie platzierte Cameos, die mit dem Publikum zwinkern. Dazu gesellt sich Veronica Ferres, die als überzeichnete Version ihrer selbst in der Rolle der Bürgermeisterin komplett eskaliert und genau deshalb hervorragend ins Konzept passt.

Im Zentrum steht jedoch Anton Schneider, vielen besser bekannt als Fatoni. Dass man ihm die Rolle eines gescheiterten Rappers abnimmt, ist kein Wunder: Seine reale Karriere im deutschen Rap ist geprägt von Ironie, Selbstreflexion und einem bewussten Spiel mit Erwartungshaltungen. Fatoni war nie der klassische Chart-Rapper, sondern immer auch Kommentator, Beobachter, Kritiker der Szene – und genau das bringt er auch in die Figur des Toni ein. Schauspielerisch liefert er genau das, was die Serie verlangt: kein naturalistisches Spiel, sondern eine bewusst überzeichnete Performance zwischen Verlierertyp, Selbstironie und latentem Trotz.

Etwas verschenkt wirkt allerdings das Potenzial, seine tatsächliche Rap-Identität stärker zu nutzen. Tonis Traum vom Rapstar bleibt über weite Strecken ein Abziehbild aus Stereotypen: Fame, Erfolg, Anerkennung. Eine echte intrinsische Motivation oder ein tieferer Blick auf kreative Prozesse fehlen. Hier hätte die Serie mutiger sein können – gerade im Vergleich zu Serien wie beispielsweise Almost Fly, die das Lebensgefühl der Hip-Hop-Kultur greifbarer und authentischer eingefangen hat. Hierzu hatte Fatoni übrigens diverse Songs als Schreiberling beigesteuert.

Lobenswert ist auch Sky Arndt, in der Rolle von Tonis Sohn Charly, der der Serie eine gewisse emotionale Erdung verleiht. Die Vater-Sohn-Momente gehören zu den stärkeren Passagen der Serie und zeigen, dass unter all dem Quatsch tatsächlich Interesse an zwischenmenschlichen Themen besteht. Freundschaft, Familie und die Kritik am Showgeschäft blitzen immer wieder auf, auch wenn sie meist schnell wieder vom nächsten Gag überrollt werden.

Fazit

"Kacken an der Havel" ist eine Serie, die keine Angst vor Albernheit hat und genau daraus ihren Reiz zieht. Sie ist laut, chaotisch, überzeichnet und oft völlig drüber – aber nie zynisch. Nicht jeder Gag zündet, nicht jede Idee wird zu Ende gedacht, und gerade der Rap-Aspekt bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück. Trotzdem steckt hier spürbar Herzblut drin, gepaart mit einem Wink zur Hip-Hop-Kultur und einem ausgeprägten Sinn für absurden Humor.

Für Fans von Deutschrap und grotesker Comedy ist das hier ein klarer Treffer. Alle anderen sollten zumindest probeweise reinschauen.

„Kacken an der Havel“ startet am 26. Februar 2026 exklusiv bei Netflix.

Wird geladen...