Erwähnungen
Wenn der Glaube an Gott auf die Götzen unserer Zeit trifft – Kritik zu "Carrie"
Von GoodGuyMikasch in Wenn der Glaube an Gott auf die Götzen unserer Zeit trifft – Kritik zu "Carrie"
am Montag, 12 Oktober 2026, 19:54 Uhr
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Von Mike Kaminski
Inhalt
Die junge Carrie White wächst unter der strengen religiösen Erziehung ihrer Mutter Margaret auf, abgeschottet von den gesellschaftlichen Entwicklungen ihrer Generation. Als sie an einer öffentlichen Highschool zunehmend zur Zielscheibe von Spott und Mobbing wird, beginnt sie, übernatürliche Fähigkeiten an sich zu entdecken. Während soziale Medien die Demütigungen weiter verschärfen und ihre Mutter verzweifelt versucht, sie vor den vermeintlichen Gefahren der Außenwelt zu schützen, geraten zwei völlig unterschiedliche Weltbilder aneinander. Ein Konflikt, der schließlich eine verhängnisvolle Entwicklung nimmt.
Kritik
Stephen Kings Carrie gehört zu den Geschichten, deren gesellschaftliche Relevanz auch mehr als fünf Jahrzehnte nach ihrer Entstehung kaum an Bedeutung verloren hat. Bereits Brian De Palma schuf 1976 mit seiner Verfilmung einen Klassiker des Horrorkinos, der religiösen Fanatismus, soziale Ausgrenzung und das Erwachsenwerden auf verstörende Weise miteinander verband. Nun nimmt sich Mike Flanagan des Stoffes an. Ein Regisseur, der mit Spuk in Hill House, Midnight Mass oder Der Untergang des Hauses Usher längst bewiesen hat, dass für ihn der eigentliche Horror selten im Übernatürlichen liegt, sondern vielmehr in den menschlichen Abgründen, die dahinter verborgen sind.
Mit seiner achtteiligen Miniserie gelingt Flanagan etwas, das keineswegs selbstverständlich ist: Er überführt Kings Geschichte nicht einfach in die Gegenwart, sondern nutzt den gesellschaftlichen Wandel der vergangenen Jahrzehnte, um ihre zentralen Themen neu zu interpretieren. Das Ergebnis ist eine kluge, vielschichtige und fantastisch erzählte Neuauflage, die weit mehr zu bieten hat als eine weitere Variation des bekannten Horrorklassikers.
Im Mittelpunkt steht die junge Carrie White (Summer H. Howell), die unter der strengen religiösen Erziehung ihrer Mutter Margaret (Samantha Sloyan) aufwächst. Abgeschottet von den gesellschaftlichen Entwicklungen ihrer Generation, muss sie sich in einer Welt zurechtfinden, deren Regeln ihr weitgehend fremd sind. In der Schule wird ihre Andersartigkeit schnell zur Zielscheibe von Spott und Ausgrenzung. Als sich bei Carrie zunehmend telekinetische Fähigkeiten bemerkbar machen, gerät das fragile Gleichgewicht zwischen ihrer religiös geprägten Lebenswelt und der modernen Gesellschaft endgültig ins Wanken.
Alte Glaubensbilder, neue Götzen
Die größte Stärke der Serie liegt in ihrer Auseinandersetzung mit dem heutigen Zeitgeist. Flanagan beschränkt sich nicht darauf, das Thema Mobbing um Smartphones und soziale Medien zu erweitern. Er greift auch Verschwörungstheorien, religiösen Fanatismus und politische Weltbilder auf, die in Teilen der amerikanischen Gesellschaft fest verankert sind. Auch das über Jahrhunderte von Unterdrückung und Ungleichbehandlung geprägte Frauenbild findet seinen Platz. Kurze Erzählungen zu Beginn einzelner Episoden greifen unterschiedliche historische und kulturelle Ereignisse auf und beleuchten die gesellschaftliche Stellung der Frau aus verschiedenen Perspektiven. So entsteht eine Geschichte, die nicht nur von Ausgrenzung erzählt, sondern auch davon, wie Menschen durch ihre Überzeugungen geprägt werden, nach Zugehörigkeit suchen und versuchen, ihre Vorstellungen von richtig und falsch gegenüber anderen durchzusetzen.
Besonders deutlich wird das innerhalb der Familie White. Als patriarchales Familienoberhaupt hat Carries Vater das Weltbild seiner Familie maßgeblich geprägt. Seine religiösen und verschwörungsideologischen Überzeugungen wirken auch nach seinem Tod fort und bestimmen weiterhin das familiäre Selbstverständnis. Margaret und Carrie halten an seinem Andenken fest, während seine Ansichten beinahe den Status unumstößlicher Wahrheiten genießen. Diesem familiären Glaubenssystem stellt Flanagan eine Gesellschaft gegenüber, die längst ihre eigenen Formen der Verehrung und Abhängigkeit entwickelt hat. Während auf der einen Seite religiöse Dogmen das Denken und Handeln bestimmen, entwickelt sich auf der anderen eine digitale Kultur, in der Anerkennung, Sichtbarkeit und gesellschaftliche Zugehörigkeit zunehmend zu eigenen Glaubenssätzen werden. Likes, Aufmerksamkeit, Konsum und die permanente Selbstinszenierung werden zu modernen Götzenbildern einer Generation, deren Werte sich zunehmend an digitaler Sichtbarkeit orientieren.
Die Ironie liegt darin, dass sich beide Welten gegenseitig für verkommen halten, obwohl sie in ihrem kompromisslosen Anspruch auf die jeweils eigene Wahrheit erstaunliche Gemeinsamkeiten aufweisen. Dabei macht die Serie nicht einfach Smartphones oder soziale Medien zum Feindbild. Vielmehr hinterfragt sie, wie sich unser gesellschaftliches Miteinander verändert hat, wenn Konflikte zunehmend öffentlich ausgetragen und Urteile in Echtzeit gefällt werden. Mobbing endet längst nicht mehr mit dem Verlassen des Schulgebäudes. Demütigungen werden dokumentiert, verbreitet und konserviert, während die Grenze zwischen Beteiligung und bloßem Zuschauen immer stärker verschwimmt. Flanagan gelingt es hervorragend, diese Entwicklungen in die Geschichte einzubetten, ohne daraus eine plumpe Abrechnung mit der heutigen Jugend zu machen. Stattdessen stellt er die Frage, ob sich unsere gesellschaftlichen Werte tatsächlich weiterentwickelt haben oder lediglich die Instanzen verändert wurden, denen wir bedingungslos folgen.
Margaret White: Zwischen Emanzipation und Fanatismus
Eine besonders interessante Erweiterung erfährt die Geschichte durch Samantha Sloyans Interpretation von Margaret White. Wo Piper Laurie in Brian De Palmas Film von 1976 vor allem die erschreckende Konsequenz religiösen Fanatismus verkörperte, erhält Margaret hier eine eigene Entwicklung, die eng mit den gesellschaftlichen Fragen der Serie verknüpft ist. Zunächst erscheint sie als Frau, deren Weltbild maßgeblich unter dem Einfluss ihres verstorbenen Mannes entstanden ist. Die patriarchalen Strukturen der Familie, seine verschwörungsideologischen Überzeugungen und der religiöse Unterbau bestimmen weiterhin ihren Alltag. Doch mit seinem Tod verändert sich ihre Position. Plötzlich muss sich Margaret selbst mit jener Außenwelt auseinandersetzen, vor der sie Carrie bislang schützen wollte.
Was anfangs aus mütterlicher Fürsorge entsteht, entwickelt eine ganz eigene Dynamik. Margaret entdeckt nicht nur ihre Handlungsfähigkeit, sondern auch die Möglichkeiten einer digitalen Öffentlichkeit, deren gesellschaftlichen Einfluss sie zuvor entschieden abgelehnt hat. Ausgerechnet die modernen Kommunikationsmittel, die ihrem bisherigen Weltbild widersprechen, werden zu Werkzeugen ihrer eigenen Selbstermächtigung. Der Versuch, Carrie vor der Grausamkeit ihrer Mitschüler zu schützen, bildet dabei lediglich den Ausgangspunkt. Indem Margaret eine Online-Community gegen die vermeintliche moralische Verrohung der Gesellschaft mobilisiert, entwickelt sie sich zunehmend zu einer ideologischen Führungspersönlichkeit. Die einst ihrem Mann untergeordnete Frau beginnt, selbst Einfluss auszuüben, Anhänger um sich zu versammeln und ihre Vorstellungen von Moral öffentlich durchzusetzen. Gerade darin liegt eine der spannendsten Ambivalenzen der Serie. Denn Margarets Emanzipation bedeutet keineswegs eine Befreiung von ihren problematischen Überzeugungen. Vielmehr gewinnt sie innerhalb dieser Überzeugungen eine neue Form von Macht. Aus der Frau, die bislang den Ideologien ihres Mannes folgte, wird eine Persönlichkeit, die nun selbst bestimmt, wie diese Ideologien in die Welt getragen werden.
Damit erhält auch das Thema Female Empowerment eine zusätzliche Ebene. Flanagan zeigt, dass weibliche Selbstermächtigung nicht zwangsläufig mit moralischem Fortschritt gleichzusetzen ist. Margaret befreit sich aus ihrer untergeordneten Rolle, ohne die Überzeugungen abzulegen, die diese Unterordnung überhaupt erst ermöglicht haben. Sloyan spielt diese Entwicklung mit einer großartigen Mischung aus Fürsorge, Verletzlichkeit, religiöser Überzeugung und wachsendem Selbstbewusstsein. Ihr gelingt es, Margaret nicht als bloße Karikatur einer fanatischen Gläubigen erscheinen zu lassen, sondern als komplexe Frau, deren Handlungen durchaus aus Liebe entstehen können, ohne deshalb weniger gefährlich zu sein. Gegenüber der Darstellung im Filmklassiker gewinnt die Figur dadurch erheblich an erzählerischem Profil.
Zwischen Gut und Böse liegt eine ganze Gesellschaft
Diese differenzierte Figurenzeichnung beschränkt sich keineswegs auf Margaret White. Während vergleichbare Geschichten häufig auf eine klare Trennung zwischen Opfern und Tätern setzen, weicht Carrie diese Grenzen konsequent auf. Kaum eine Figur dient ausschließlich einer dramaturgischen Funktion. Stattdessen begegnen wir Menschen, deren Entscheidungen und Überzeugungen von persönlichen Erfahrungen, sozialer Prägung und gesellschaftlichen Erwartungen beeinflusst werden.
Selbst dort, wo Charaktere moralisch fragwürdige Entscheidungen treffen, interessiert sich die Serie für die Beweggründe dahinter. Das entschuldigt ihr Verhalten nicht, macht die daraus entstehenden Konflikte aber umso wirkungsvoller. Flanagan lässt seinen Figuren Raum, widersprüchlich zu sein, ohne ihre Verantwortung aus den Augen zu verlieren. Besonders deutlich wird das in den Nebenhandlungen rund um das Lehrpersonal. Hier beschränkt sich die Serie nicht auf die offensichtlichen Mechanismen von Mobbing und Ausgrenzung, sondern behandelt ebenso schwierige Themen wie Machtmissbrauch, sexuelle Grenzüberschreitungen und die Frage, wie unterschiedlich Menschen ein und dieselbe Beziehung wahrnehmen können.
Gerade die Diskrepanz zwischen subjektiv empfundenen Gefühlen und der objektiven Verantwortung eines Erwachsenen eröffnet eine weitere Ebene. Die Serie versteht es, emotionale Widersprüche aufzuzeigen, ohne dabei bestehende Machtgefälle zu relativieren. Dass diese Konflikte nicht als bloße Randnotizen behandelt werden, sondern eng mit den übergeordneten Fragen nach Moral, Abhängigkeit und gesellschaftlichen Urteilen verbunden sind, spricht für die Qualität der Drehbucharbeit.
Auch die Nebenfiguren profitieren von diesem Ansatz. Matthew Lillard (Scream) und Amber Midthunder (Prey, Mr. No Pain) fügen sich hervorragend in das Ensemble ein, während selbst kleinere Rollen ausreichend Profil erhalten, um innerhalb der Geschichte eine eigene Bedeutung zu entwickeln. Dass sich Mike Flanagan bei seinen Produktionen gerne auf vertraute Gesichter verlässt, ist längst kein Geheimnis. Neben Samantha Sloyan, die bereits in Midnight Mass, The Midnight Club und Der Untergang des Hauses Usher zu sehen war, finden sich mit Kate Siegel, Rahul Kohli und Michael Trucco weitere bekannte Gesichter aus seinem bisherigen Schaffen. Dieses eingespielte Ensemble ergänzt die zahlreichen Neuzugänge und trägt dazu bei, dass selbst die umfangreichen Nebenhandlungen schauspielerisch auf hohem Niveau bleiben.
Zwischen Unschuld und Selbstbestimmung
Allen voran überzeugt Summer H. Howell als Carrie White. Dass sich die kanadische Schauspielerin ausgerechnet in dieser Rolle derart souverän bewegt, kommt nicht von ungefähr. Bereits als Kind sammelte sie mit Curse of Chucky ihre ersten Erfahrungen vor der Kamera und kehrte vier Jahre später für Cult of Chucky erneut in das bekannte Horrorfranchise zurück. Es folgten unter anderem The Midnight Man, Hunter Hunter, All Fun and Games und Spirit in the Blood.
Howell ist damit trotz ihres jungen Alters längst keine Unbekannte im Horrorkino. Umso interessanter ist, dass ihre Interpretation von Carrie gerade nicht von einer düsteren oder bedrohlichen Präsenz lebt. Vielmehr verbindet sie eine beinahe kindliche Naivität mit aufrichtiger Neugier und einer großen Portion Großherzigkeit. Ihre Carrie möchte die Welt verstehen, dazugehören und die Menschen um sich herum kennenlernen, obwohl diese ihr immer wieder mit Ablehnung begegnen. Howell gelingt es hervorragend, diese Mischung aus Unschuld, Verletzlichkeit und wachsender Selbstbestimmung zu vermitteln. Gerade die kleinen, zurückhaltenden Momente verleihen ihrer Figur eine emotionale Glaubwürdigkeit, die über die bekannten Mechanismen des Horrorfilms hinausgeht. Eine fantastische Besetzung, die der ikonischen Figur eine ganz eigene Identität verleiht.
Eine Inszenierung mit Gespür für Bilder und Musik
Auch handwerklich bewegt sich Carrie auf einem hohen Niveau. Die Kameraarbeit überzeugt mit zahlreichen fantastischen Einstellungen und einer Bildsprache, die weit mehr leistet, als lediglich die Handlung zu illustrieren. Besonders einige der raffiniert gestalteten Szenenübergänge zeigen, mit welchem visuellen Gespür hier gearbeitet wurde. Bilder gehen ineinander über, greifen erzählerische Motive auf und treiben die Geschichte teilweise ganz ohne erklärende Dialoge voran.
Hinzu kommt eine exzellent kuratierte Musikauswahl, die das Stimmungsbild der Serie wunderbar ergänzt. Der Soundtrack mit Stücken von unter anderem Tessa Rose Jackson / Someone, Katie Garfield oder Lana Del Rey bewegt sich zwischen zeitgenössischen Klängen und einer angenehm zurückhaltenden Retro-Romantik, ohne dabei nostalgisch oder künstlich zu wirken. Vielmehr entsteht eine musikalische Identität, die den Brückenschlag zwischen der bekannten Vorlage und ihrer modernen Interpretation zusätzlich unterstreicht. Auch die visuellen Effekte wissen vollends zu überzeugen. Carries übernatürliche Fähigkeiten fügen sich stimmig in die Inszenierung ein und verleihen den entsprechenden Momenten die nötige Wucht, ohne dass die Serie ihre Wirkung ausschließlich aus technischen Schauwerten beziehen müsste.
Weniger Horror, dafür umso mehr erzählerische Substanz
Trotz ihrer übernatürlichen Elemente interessiert sich Flanagans Carrie deutlich stärker für Coming-of-Age, zwischenmenschliche Beziehungen und gesellschaftliche Entwicklungen als für den großen Schrecken. Der eigentliche Horror entsteht weniger durch Schockmomente als durch die Beobachtung einer Welt, in der Empathie, Zugehörigkeit und Orientierung zunehmend unter Druck geraten. Das könnte für Zuschauer, die vor allem auf eine Horrorinszenierung hoffen, durchaus eine Enttäuschung darstellen. Gleichzeitig liegt darin die besondere Qualität dieser Neuinterpretation. Flanagan erkennt, dass Kings Geschichte weit mehr ist als die Erzählung eines gemobbten Mädchens mit übernatürlichen Fähigkeiten. Sie handelt von gesellschaftlichen Mechanismen, von Macht und Ohnmacht, vom Wunsch nach Anerkennung und den zerstörerischen Konsequenzen menschlicher Grausamkeit.
Indem die Serie diesen Themen mehr Raum gibt, gewinnt sie eine erzählerische Dimension, die über die reine Neuauflage eines bekannten Stoffes hinausgeht. Das ruhigere Tempo und die ausführlichere Beschäftigung mit den Figuren erweisen sich dabei nicht als unnötige Streckung, sondern als Grundlage für die emotionale und gesellschaftliche Tiefe der Geschichte.
Fazit
Mit "Carrie" gelingt Mike Flanagan eine herausragende Neuinterpretation von Stephen Kings Klassiker, die ihre Existenzberechtigung nicht aus bloßer Modernisierung, sondern aus einer klugen Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart bezieht. Fantastische Darsteller, allen voran Summer H. Howell und Samantha Sloyan, eine starke visuelle Inszenierung und ein exzellent abgestimmter Soundtrack machen die achtteilige Miniserie zu einer der stärksten Neuinterpretationen, die Stephen Kings Werk in den vergangenen Jahren erfahren hat.
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