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Quelle: themoviedb.org

Inhalt

Wie viele aussergewöhnliche Geschichten verbergen sich hinter den hastig und sensationslüstern präsentierten Nachrichtenbeiträgen in den Medien? Mit ihrer charakteristischen Mischung aus Dokumentation und Fiktion gelingt es Maite Alberdi sogar anhand der Geschichte eines entführten Babys, vorschnelle Urteile abzubauen und die komplexe Natur von Menschen anzuerkennen, die Fehler gemacht und dafür bezahlt haben.

Kritik

Von den prinzessinnenhaften Pastelltönen, die ein bizarres Verbrechen zuckersüß färben, über den romantischen Soundtrack für eine Geschichte von Zwang und Pflichterfüllung bis zu dem zärtlichen Blick auf eine Frau, die von der Klatschpresse als eiskalte Psychopathin dargestellt wurde, ist s (An ihrer Stelle) ausgefeiltes Doku-Drama definiert von scheinbar unvereinbaren Gegensätzen. So scheint es nur konsequent, dass die chilenische Regisseurin in ihrer faszinierenden Fallstudie weniger an einer objektiven Wahrheit interessiert ist als an soziologischer Subjektivität. Ein raffiniertes Geflecht aus Reportage, Psychodrama und Telenovela demaskiert die sozialstrukturelle  Komplizenschaft einer wahren Geschichte gleich einer sensationalistischen Soap Opera.

Mit deren Ästhetik und Manierismen spielt die doppelbödige Inszenierung, die mit dem Casting der Darstellerin der jungen Alejandra (Ana Celeste Montalvo Peña), genannt Ale, beginnt. Dieses Meta-Elements bediente sich auf der Berlinale, wo Alberdis Werk Premiere feiere, zuletzt auch Alain Gomis (Dao). Das sich zu einem Repertoire-Instrument filmischer Hybrid-Formen entwickelnde Stilmittel markiert die Grenze zwischen den nachgestellten Szenen und der realen Geschichte während es zugleich die Grenze zwischen dokumentarischen und gestellten Szenen verwischt. Wo die Inszenierung beginnt und endet ist vor der Kamera genauso wenig klar wie bei Ale. 

Ihr Geisteszustand mäandert zwischen gezielter Täuschung, Selbstbetrug und Wahnvorstellungen, die stets einen Rest Zweifel an ihren Aussagen lassen. Auch jenseits der nachgestellten Szenen. Jene eröffnet Ales Hochzeit mit Arturo (Armando Espitia, Heli), dessen Verwandtschaft spürbar auf sie herabblicken. Was Ale zu tun hat, um anerkannt zu werden, machen ihr Gatte und seine Familien unmissverständlich: Kinder produzieren, möglichst viele, möglichst bald. Zwei in kurzer Folge erlittene Fehlgeburten behandelt ihr neues familiäres Umfeld wie persönliches Versagen. Um dem psychischen Druck zu entkommen, fingiert sie eine Schwangerschaft, die gefälschte Arztunterlagen und ein beschafftes Ultraschallbild bestätigen. 

Während Ale die plötzliche Aufmerksamkeit und Zuwendung genießt, nagt an ihr die Angst vor dem unvermeidlichen Ende der Scharade. Der einzige Ausweg scheint ein privater Deal mit der schwangeren Mayra, die ihr Kind zur Adoption freigeben will. Das jedenfalls ist Ales Version der Ereignisse, deren tatsächlichen Hergang Alberdi dezidiert vage lässt. Atmosphärische Überzeichnung in Wunschphantasie und Alptraum, dezent verzerrte Einstellungen und expressive Farbdramaturgie transportieren die pathologische Perspektive der Protagonistin. Sie ist zugleich Täterin und Opfer, vergiftet durch toxischen Traditionalismus und patriarchalische Familienwerte, die ihren Selbstwert an repressive Ideale ehelicher Pflichten und Mütterlichkeit knüpfen. 

Fazit

Die sensationalistische Ausschlachtung der wahren Begebenheit, die Maite Alberdis erste mexikanische Produktion aufarbeitet, wird dynamischer Teil der selbstreflexiven Inszenierung. Jene spielt geschickt mit den Realitätsebenen ihrer Story von Täuschung und Manipulation, denen die Hauptfigur zum Opfer fällt, lange bevor sie ihr eigenes Lügenkonstrukt aufbaut. Eine klebrig-süße Farbpalette und groteske Details enthüllen die destruktive Seite konservativer Konstrukte von Weiblichkeit und Eheglück. Das exzellente Ensemble erreicht im beständigen direkten Vergleich mit den echten Personen eine bestechende Authentizität, die das latente Motiv brüchiger Realität ebenso verstärkt wie die Kernthematik sozialer Rollen: manche selbstgewählt, manche aufgezwungen.

Kritik: Lida Bach

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