5.2

MB-Kritik

Red Screening - Blutige Vorstellung 2020

Horror

5.2

Ricardo Islas
Luciana Grasso
Franco Duran
Ricardo Islas
Daiana Carigi
Yuly Aramburu
Hugo Blandamuro
Lucas Fressero
Emanuel Sobré

Inhalt

Runter! Als der Film zu Ende ist, verkriecht sich ein Kind unter den Sitzen, um heimlich den nachfolgenden Horrorfilm im Kino zu sehen. Noch eine Handvoll weiterer Gäste verirrt sich in dieser stürmischen Nacht ins Cine Opera. Kino, Horror, Dunkelheit. Was will man mehr? Denkt sich auch ein wahnsinniger Mörder, der statt für den Film nur noch Augen für das Publikum hat. Die Messer sind gewetzt, also Vorhang auf für eine letzte, blutrote Vorstellung, bei der die Zuschauer die Hauptrolle spielen.

Kritik

Wir haben den Film im Rahmen des 8. HARD:LINE Film Festivals gesehen.

Das „Opera“ Kino in Montevideo soll im Jahr 1993 Schauplatz eines wahrhaftigen Blutbades werden. Zur Vorstellung einer ziemlich grobschlächtigen Frankenstein-Adaption verirren sich nur wenige Zuschauer in den Kinosaal. Ein sonderbarer Zausel, ein unscheinbarer Rentner, drei schon leicht angetrunkene Freunde, eine von ihrem Begleiter offenbar versetzte Schönheit im Brooke Shields-Look, ein Pärchen beim ersten Date (welches mit ganz unterschiedlichen Erwartungen an die Sache herangeht) und ein kleiner Junge, der sich verbotener Weise in diesen alles andere als jugendfreien Film geschummelt hat. Auch hinter den Kulissen ist nur wenig los. Damit ihr gesundheitlich angeschlagener Vater mal eine Pause bekommt, übernimmt Tochter Ana (Luciana Grasso) kurzerhand den Filmprojektor, um nebenbei für die Uni zu lernen.

Während sich das Publikum langsam sammelt und bis auf den minderjährigen Zaungast wenig interessiert oder gar schockiert von dem blutigen Celluloid-Treiben ist, schleicht ein mit schwarzen Handschuhen und scharfer Klinge bewaffneter Killer durch die spärlich besetzten Reihen. Schlägt immer dann zu, wenn auch auf der Leinwand irgendjemand effektvoll durchbohrt oder anderweitig abgeschlachtet wird. Die einzigen Szenen, in denen mal alle ein Auge für das Geschehen haben und nicht merken, dass auch in ihrer unmittelbaren Nähe ähnlich spektakulärer Schweinkram stattfindet. Als das auffällt, ist man schon radikal dezimiert und die wenigen Überlebenden haben es mit einem wenig zimperlichen Wahnsinnigen zu tun, dem selbst massiver Eigenschaden kaum von seinem passionierten Sammeltrieb abzuhalten scheint.

Ein lateinamerikanischer Slasher-Bastard, der überdeutlich seine Inspiration beim europäischen Genre-Kino der 70er & 80er zur Schau stellt. Nicht umsonst nennt sich der Ort des Geschehens Opera, mehr als einmal wird das Plakat von Dario Argento’s gleichnamigen Meisterwerk messerscharf im Hintergrund platziert. Kinosaal als blutrünstige Mausefalle kennt man natürlich aus dem gewieften, ebenfalls spanischsprachigen, cleveren Meta-Flick Im Augenblick der Angst, aber freilich auch aus der wüsten Splatter-Orgie Dance of the Demons. Wieder ein Argento, wenn diesmal auch nur als Produzent. Trotzdem schwebt dieser Name wie das selbst gewählte Damoklesschwert über Al morir la Matinee. Der Meister wird ausgiebig zitiert, aber in seiner früheren Brillanz nur stupide nachgebildet. Ernüchternd dargeboten an der sichtlich von Suspiria ausgeliehenen Farbpallette, deren dramaturgisches Konzept aber keinesfalls angewandt wird. Man klatsche schillernde Rot-, Grün- und Blautöne wie mit dem Lineal gezogen nebeneinander, die Referenz ist wenigstens benannt. Gut und schön, aber sonst?

Verdammt viel Ernte vom Gore-Acker, der nach einem schwerfälligen Beginn irgendwann reichen Ertrag bringt. Das ist extrem drastisch und plastisch sehr ordentlich umgesetzt, mehr als diese Schweinerei und die gewollten Anleihen bleiben nicht im Gedächtnis. Regisseur & Co-Autor Maximiliano Contenti ist handwerklich begabt, zweifellos passioniert wie bewandert im Bereich des europäischen Horrorkinos, vernachlässigt bei diesen Lobpreisungen jedoch das eigene Produkt. Spannend, aufregend oder eigenständig ist sein Werk niemals und spult nur ein leidlich amüsantes Fan-Paket herunter, bei dem es am Ende wenigstens ordentlich zur Sache geht. Dabei meint man kurzzeitig sogar eine kleine Message erkennen zu können, die letztlich nicht weiter erwähnt wird und somit auch wohl nur plakatives Mittel zum Zweck ist. Ein im wahrsten Sinne des Wortes blanker Eye-Catcher. Schade.

Fazit

Fans des europäischen Horror-, Giallo- und Splatterfilms können ein feuchtfröhliches Trinkspiel veranstalten und Freunde des zünftigen Gores können gerne auch erst nach der Hälfte den Saal besuchen, dann wird ordentlich aufgetischt. „Al morir la Matinee“ ist an sich ganz gut gemacht, aber hat eigentlich gar keine eigene Identität. Verkauft sich komplett der Referenz, ohne für sich zu funktionieren. Überflüssig, aber bemüht.

Autor: Jacko Kunze
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