Der Fluch des alten Geldes und die Schatten der Vergangenheit verfolgen einen jungen, ultrareichen Antikapitalisten aus einer der reichsten Familien Amerikas – eine der unglaublichsten Geschichten des Jahres.
Kritik
Lukrativer als diese Kritik zu schreiben wäre wohl eine Spendenanfrage an James “Fergie” Cox Chambers, Jr. Mit Leuten, die ihn direkt nach Geld fragen, könne er umgehen, erklärt der 40-jährige Hauptcharakter Sinéad O'Sheas (Blue Road: The Edna O'Brien Story) systemkritischen Porträts, das nach seiner Sundance-Premiere bei CPH:DOX läuft. Unangenehm sind ihm Menschen, die vorgeben, es gehe ihnen nicht um sein Vermögen. Jenes beläuft sich auf rund 250 Millionen US Dollar laut Handelsnachrichten und den eigenen Kommentaren Chambers, der pragmatisch ergänzt: “It’s always all about the money.”
Darauf deuten auch O’Sheas episodische Einblicke in das Leben des Erben der Medien und Mobil Giganten Cox Enterprises, die jährlich Gewinne von 21$ Billionen scheffeln. Bei der Festival Filmvorführung ist er aus Gründen, die in dem mosaikartigen Millionärs-Monographie durchscheinen, nicht anwesend. Die Geldanfrage fällt also vorerst flach. Andere waren in dieser Hinsicht erfolgreicher. Wie der tunesische Fussball-Verein, den Chambers beiläufig mit einer Geldgabe vor der Pleite bewahrt. Wieder andere mussten gar nicht erst fragen, wie das halbe Dutzend Mitglieder seiner kommunistischen Kommune im ländlichen Massachusetts.
Das Projekt besteht aus komfortablen Privathäuschen und Gemeinschaftsbauten wie einem Gym für das Training zum proletarischen Protest. Damit nehmen es Fergies revolutionäre Rekrut*innen allerdings nicht so genau. Fast alle lockte die kostenfreie Unterkunft inklusive Deckung sämtlicher Spesen und eines bedingungslosen Stipendiums. Für Fergies vermeintliche Freundesclique ein wundersamer Weg aus finanziellen Problemen und Obdachlosigkeit „If I didn’t life here, I wouldn’t believe it.”, sagt ein junger Familienvater, der mit den politisch engagierten Genoss*innen von einem landwirtschaftlichen Kollektiv ohne Machtstrukturen und Profitdruck träumt.
Doch die Realität ist kein marxistisches Märchen und der egomanische Erbe keine gute Fee. Als eine chaotische Protestaktion anlässlich des 7. Oktobers 2023 mit Anzeigen wegen Vandalismus endet, verzieht er sich nach Tunesien, während Aktivistin Paige Belanger mehrere Monate im Knast landet. Je mehr Zeit O‘Shea in Abständen mit dem charismatischen Protagonisten verbringt, umso deutlicher wird dessen skrupellose Selbstsucht. Seine Großzügigkeit, die in Relation zu seinem Reichtum einem Trinkgeld gleichkommt, ist lediglich ein Mittel, um Aufmerksamkeit, Bestätigung oder Kontrolle zu erlangen.
Die Betroffenen sind ihm so gleichgültig wie mögliche Konsequenzen. Vor denen bewahrt ihn sein Vermögen mit deprimierender Zuverlässigkeit. Bekannt, aber dennoch beunruhigend anzusehen, ist die politische Einflussnahme, die Reichtum eröffnet. Kommunismus, Kapitalismus, Extremismus, Populismus, Fundamentalismus: Seine auf Social Media und vor der Kamera vertretenen Ansichten pendeln zwischen geschmacklosen Provokationen und alarmierender Radikalisierung. Scheinbar philanthropische Aktionen wechseln zu Manipulation und Menschenverachtung. Die psychologischen Prozesse dahinter bleiben indes obskur. O‘Shea will nicht analysieren, sondern ausstellen und tut dies ausgiebig und bisweilen amüsant.
Fazit
Die psychischen Paradoxe und Perversionen der sogenannten One-Percenter, deren Vermögen dem Gesamtguthaben der übrigen 99 Prozent gleichkommt, führt Sinéad O'Sheas dokumentarisches Diorama anschaulich vor. Während die von Handy-Clips und Archivmaterial angereicherten Handkamera-Aufnahmen sich in die Überlänge ziehen, klafft das psychologische und systemanalytische Vakuum immer weiter. Welche Mechanismen den schillernden Superreichen konkret schützen und fördern, bleibt unklar. Ähnlich schemenhaft bleiben seine Biographie und die Grenze zwischen Wahrheit und Verzerrung in seinen Erzählungen. Das auf Spielfilmlänge ausgedehnte Kurzfilm-Konzept wiederholt das gleiche generische Gemeinwissen: Money equals might.
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