MB-Kritik

As We Breathe 2025

Defne Zeynep Enci
Hakan Karsak
Sacide Taşaner
Rüzgar Usta
Deniz Kavak
Aras Kavak

Inhalt

Eine Explosion in einer Chemiefabrik im anatolischen Gebirge erschüttert ein nahegelegenes Dorf sowie die Familie von Mehmet. Er war in der Fabrik tätig und muss nun zusehen, wie er mit seinen drei Kindern und seiner Mutter unweit der wütenden Brände über die Runden kommt. Derweil wandelt sich für Tochter Esma das bislang zartbesaitete Leben schlagartig und muss Aufgaben ihres Vaters übernehmen. Währenddessen bereiten die Rauchschwaden der Familie immer größere Probleme.

- Im Programm des Filmfests Bremen 2026 -

Kritik

Mit dem Katastrophendrama und Coming-of-Age-Film hat sich Regisseur Şeyhmus Altun jedenfalls keinen leicht verdaulichen Genrehybriden als Langfilmdebüt vorgenommen. Gleich zu Beginn stürzt sich die Handlung in den desaströsen Vorfall in der Fabrik. Mehmet (Hakan Karsak, Sarmasik) ruft mehrfach nach Hilfe, ehe er den Flammen entkommen kann. Und diese Hilferufe hallen in den darauffolgenden Szenen nach. Gleichzeitig bringt das Feuer eine Unruhe ein, beginnt Stille und Lücken zu offenbaren und zu füllen, die weiterhin präsent in der Familie sind – unter anderem mit der fehlenden Mutter.

Daraus strickt Altun einen wahrhaftigen Slow-Burner als Charakter- und Familienstudie. Er erzählt behutsam, obgleich der Kaskade an bestürzenden Ereignissen. Das gelingt ihm mit der Hauptfigur Esma zweifellos. Großartig gespielt von Defne Zeynep Enci, weiß sie, die Phasen im plötzlichen Umbruch ihres jungen Lebens glaubhaft umzusetzen. In Esmas Wandel wird der Trotz zu einem Bremsbalken in einer zügigen Fahrt Richtung Erwachsensein.

Ein zweiter findet sich in den gelegentlichen Scharmützel mit ihren Zwillingsbrüdern wieder – gleich wissend, dass es für sie zum einen ein wehmütiger Blick auf ihr schwindendes Kindsein ist und zum anderen das Aufrechterhalten einer Illusion für die beiden, dass diese brenzlige Situation doch schon gut ausgehen wird. Esmas Malbuch gewinnt für sie selbst umso mehr an Bedeutung, ist ihre verewigte Kreativität das vielleicht einzige Überbleibsel dieses Lebensabschnitts.

Wenig überraschend wird das Feuer auch zur verbildlichten Frustration. Eine unglaubliche Totale bei Nacht vom Feuer wird zu dem tragischen Bild schlechthin und in ihrer Mehrdeutigkeit gar ein Sinnbild für die Generation Z im Angesicht der Zukunft und aktuellen Weltlage. Sowohl in Esma als auch in Mehmet brodelt es. Seine Wut kann er kaum in Zaun halten im Angesicht der bedrohten Existenz und widerwilligen Akzeptanz der Umstände. Sich und seine Familie in Sicherheit zu bringen ist daher leichter gesagt als getan. 

Umrahmt werden die Szenen vom traditionellen männlichen Rollenbild: bloß keine Schwäche zeigen, nicht in Tränen ausbrechen. Das mündet in einen Tunnelblick, der nur schwer zu brechen ist. Altun spitzt diese Situation zu und dürfte mit dem gewählten Mittel zur Aufmerksamkeit das Publikum mit Sicherheit spalten. Wenngleich der Filmemacher intensive Szenen konstruieren kann, so lässt sich der Vorwurf des Shock-Values nicht ganz von der Hand weisen.

Fazit

Regisseur Şeyhmus Altun zeichnet in „As We Breathe“ ein sorgsames Familienporträt, in dem Lücken keinesfalls narrative Verfehlungen darstellen. Die Lücken prägen das Bild der Familie, prägen die suchende filmische Linie, an der sich die Figuren durch das Katastrophenszenario entlanghangeln. Defne Zeynep Enci spielt darin eine bemerkenswerte Hauptrolle als Tochter Esma, genauso wie Hakan Karsak als Vater Mehmet. Das Unglück wird zum Motor für die Handlung, die einerseits auf Schock ausgerichtet ist inklusive gewöhnungsbedürftiger Eskalation, andererseits die sich im Umbruch befindenden Menschen stets im Blick hat.

Autor: Marco Focke
Diese Seite verwendet Cookies. Akzeptieren.