Inhalt
Kritik
Superheros by accident
Im Laufe der letzten drei Jahrzehnte hat das Genre der Superheldenverfilmungen eine durchaus beachtliche Wandlung durchlaufen. Nach einer finanziell überraschend ergiebigen Glanzzeit Ende der Siebziger bis Anfang der 90er Jahre, die vor allem von der „Superman“ Quadrilogie und den ersten beiden Auftritten des dunklen Ritters in „Batman“ und „Batmans Rückkehr“ geprägt wurde, versank das Genre für beinahe zehn Jahre im Sumpf der Bedeutungslosigkeit. In diesem Zeitraum gaben Filme wie „Das Phantom“, „Steel“, „Batman Forever“ und „Batman & Robin“, die weder künstlerisch noch kommerziell wirklich überzeugen konnten, den Ton an und sorgten dafür, dass Tinseltowns Risikofreude und Investitionsbereitschaft, im Bereich kostümierter Helden, ins Bodenlose versanken. Wiederbelebt wurde diese filmische Spielart erst wieder durch das Genie von Bryan Singer („X-Men“ im Jahr 2000), Sam Raimi („Spiderman“ im Jahr 2002) und Christopher Nolan („Batman Begins“ im Jahr 2005), die Superheldenabenteuer mit Tiefgang endgültig blockbustertauglich machten. Knapp ein halbes Jahrzehnt und dutzende ähnlich geartete Big-Budget-Produktionen später zeichnet sich aktuell jedoch erneut ein Wandel am Übermenschen-Horizont ab - und zwar in Richtung völlig entfesselte (Independent-)Antihelden. Nach Matthew Vaughns genialem „Kick Ass“ und James Gunns unterhaltsamen „Super“, stürmt zurzeit Josh Tranks Erstlingswerk „Chronicle“, das eine typische Coming-of-Age Story mit Super(Anti)Helden und dem allseits bekannten Found-Footage Ansatz verbindet, die amerikanischen Box-Office-Charts.
Storytechnisch bietet Josh Tranks Erstlingswerk, bei dem er sich gemeinsam mit John Landis‘ Sohn Max Landis auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, Nichts, das man als Zuschauer nicht auch schon in „Spiderman“, „Star Wars“ oder ähnlichen Mannwerdungs-Helden-Hybriden mit verfolgen durfte. Das Umfeld der drei Teenager - besonders jenes der Hauptfigur Andrew (todkranke Mutter und alkoholabhängiger Vater) - ist klischeebehaftet und altbekannt, das Ende des Films ist bereits relativ rasch absehbar und die Charaktere dienen, bei näherer Betrachtung, nur zum Transport einer übergeordneten Botschaft, über die (von Macht nur allzu leicht korrumpierbare) menschliche Natur - frei nach einem von Stan Lees bekanntesten Comiczitaten: With great power comes great responsibility.
Das erste Drittel des Films schleppt sich dementsprechend überraschungs- und ereignisarm dahin, wodurch „Chronicle“ nur äußerst mühsam in Fahrt kommt. Diese anfängliche Behäbigkeit gibt dem geneigten Betrachter jedoch auch die Möglichkeit, die Figuren, trotz ihrer etwas klischeebelasteten Charakterisierung, ins Herz zu schließen und gedanklich vom Status einer reinen Schießbudenfigur zu befreien. Dadurch wiederum weiß auch die Entfaltung der ungewöhnlichen Super(Anti-)Heldenstory zum Ende hin immer stärker zu überzeugen und kann in einem packend inszenierten, effekttechnisch hochklassigen und unerwartet explosiven Finale gipfeln, das in seinen besten Momenten an den Showdown in Katsuhiro Ohtomos „Akira“ erinnert.
Nachhaltig in Erinnerung bleiben von „Chronicle“ jedoch weniger die klar strukturierte Geschichte und das eher durchschnittliche Drehbuch, sondern die unverbraucht wirkende Inszenierung und der flotte, ungewöhnlich raue, Schnitt. Der 27jährige Regieneuling Josh Trank setzte beim Dreh seines Erstlings nämlich zur Gänze auf den derzeit äußerst populären Found-Footage-Ansatz („Cloverfield“). Hierbei begeht er jedoch nicht den Fehler ausschließlich verwackelte Handkamerabilder aus einer einzigen Perspektive einzubinden, sondern macht sich die telekinetischen Fähigkeiten der drei Jugendlichen zu Nutze und bietet zusätzlich zu jenen klassischen Bildern auch ruhige Aufnahmen einer schwebenden Kamera und überraschend klare und absolut kinotaugliche Totale. Des Weiteren werden auch Kameras in der näheren Umgebung der drei Freunde (Überwachungskameras und Handykameras) mit in den Filmverlauf einbezogen. Dadurch entsteht ein fesselnder Mix, der eine eigene Dynamik entfaltet und die, streckenweise etwas langatmige, Story vergessen lässt.