MB-Kritik

Der Schimmelreiter 2025

Drama

Max Hubacher
Olga von Luckwald
Annette Frier
Elina Leitl
Nico Holonics
Joshua Jagersberger
Ramona Kunze-Libnow
Christoph Glaubacker
Harald Windisch
Kriemhild Hamann
Emanuel Fellmer
Josephine Bloéb
Till Firit
Imke Siebert
Tim Ehlert
Margarethe Tiesel

Inhalt

Nordfriesland heute: Nach dem Tod seines Schwiegervaters übernimmt Hauke Haien zwei wichtige Funktionen im Küstenschutz. Er wird Deichgraf und Direktor des Küstenschutzes. Seine Warnungen vor den Auswirkungen des Klimawandels werden im Dorf als Hysterie abgetan, obwohl die Küstenbewohner wissen, dass eine drastische Kurskorrektur der Klimapolitik unvermeidlich ist. Zu Haukes Glück unterstützt ihn seine Frau Elke. Doch nicht lange genießt Hauke den Erfolg, denn als bekannt wird, dass seine Pläne viel radikaler sind als bisher kommuniziert, schlagen ihm Unverständnis und Wut entgegen. Die Katastrophe zieht auf.

Kritik

Die formalen und stilistischen Widersprüche Theodor Storms spätromantische Novelle, deren feste Integration in den schulischen Lehrplan die abgekämpfte Apotheose des menschlichen Ringens gegen die Naturgewalten noch etwas belehrender erscheinen lässt, schaffen für Interpretation und Innovation einen verlockenden filmischen Freiraum. Doch der interessiert Francis Meletzky noch weniger als die psychologische Ambivalenz der klassischen Figuren, die ihre zeitgenössische Adaption nur scheinbar modernisiert. Auch wenn Hauke Hain (Max Hubacher, The Deal) nun von einer Waterworld-liken Meere-Siedlung träumt und sein Erzrivale Ole Petersen (Nico Holonics, Sterben) Sportwagen fährt, bleiben die Narrative befremdlich altbacken. 

Das ändert auch nicht die eher opportunistisch als zeitbewusst wirkende Integration des Klimawandels in den bekannten Plot. Nunmehr nicht nur Deichgraf, sondern Leiter der Küstenschutzbehörde, muss sich Hauke gegen die Klimakatastrophen-Leugner in seinem windgepeitschten Deich-Dorf durchsetzen. Diese politische Positionierung beraubt den Titelcharakter der Storms Figur inhärenten Zwiespältigkeit. Auffällig abwesend sind somit auch alle dämonischen Aspekte Haukes, dessen Abkehr von altem Brauchtum Storm als höllische Hybris darstellte. Seine Ehefrau Elke (Olga von Luckwald, Home Sweet Home - Wo das Böse wohnt) bleibt eine farblose Fürsprecherin, die trotz ihrer ausgebauten Funktion passiver wirkt als in der Roman-Vorlage. 

Haukes Widersacher Petersen, der in der Novelle als Haukes verschlagenes Spiegelbild angelegt ist, gerät zum eindimensionalen Schurken. Auffällig auch, dass Meletzky die geistige Behinderung Haukes kleiner Tochter eliminiert. Haukes Herrschaftsanspruch über Mensch und Natur verklären die Regisseurin und ihre Drehbuchautorin Léonie-Claire Breinersdorfer (Elser - Er hätte die Welt verändert) in symbiotische Sehnsucht. Als ein tragisch missverstandener Visionär fehlt dem Kino-Schimmelreiter die enigmatische Zerrissenheit seines novellesken Vorbilds. Das blasse Schauspiel dümpelt genauso auf Vorabend-TV-Niveau wie die fade Optik. Die heraufziehende Jahrhundertflut wirkt wie ein Regenschauer und unter modernen Bedingungen weit weniger bedrohlich.  

Deren symbolträchtige Schlüsselfiguren wie die alte Trin Jans sind nur noch Staffage; kuriose Überbleibsel der gespenstischen Elemente, mit denen die ungelenke Inszenierung nichts anzufangen weiß. Ohne die nahezu gänzlich entfernten schauerromantischen Facetten wirkt die Erzählung seltsam seelenlos. Von unheimlicher Atmosphäre, die Storm mit wenigen Worten brillant beschwor, bleibt keine Spur in dem Kleinstadt-Klima-Krimi. Der vernachlässigt die zentralen Figuren, aber erfindet unnötig Neue dazu. Mangels zwischenmenschlicher Dynamik versickern Tragik und Spannung. Ein paar hübsche Landschaftsbilder, die ostentative Öko-Botschaft und das schulmeisterliche  Schlusswort passen allesamt besser in eine Nachmittags-Natur-Doku. 

Fazit

Wenn in der Zentrale der Küstenschutzbehörde, für die Francis Meletzky ihren modernen Schimmelreiter einspannt, mit Hightech gearbeitet wird, aber Deichgraf Hauke Hain auf seinem hohen Ross herumreitet, zeigt das exemplarisch die aberwitzigen Kontraste der Neuauflage. Die behandelt Theodor Storms unsterbliche Novelle als bloßes Vehikel für eine Naturschutzbotschaft. Jene ist nicht der einzige Widerspruch zur Original-Figur, die ihrer Zwiespältigkeit und abgründigen Attribute beraubt wird. Spuk-Stimmung, mystische Metaphorik und moralphilosophische Fragen weichen platter Belehrung. Setting, Stil und Schauspiel entsprechen einem passablen TV-Krimi, so (in)spannend wie ein Doppelstunde Deutsch-Unterricht. 

Autor: Lida Bach
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