Inhalt
In den abgelegenen Liangshan-Bergen machen sich die 14-jährige Qihuo und ihre Freundinnen auf die Suche nach einem Rock für ihr Übergangsritual. Was als kleine Suche beginnt, entführt sie in eine unbeschwerte Welt der Kindheit, in der die Zeit langsamer zu vergehen scheint und die Welt unendlich weit ist.
Kritik
Hinter den Momenten märchenhafter Metaphorik und poetischer Phantasien Dongnan Chens dokumentarischer Coming-of-Age-Story lauert stets eine harte Realität. Gleich den Monstern in der idyllischen Berglandschaft, von denen ein alter Mann der 14-jährigen Protagonistin und ihren beiden Freundinnen erzählt, warten die drohenden Klauen ausbeuterischer Arbeit in den Fabriken und aufgezwungener Kinderehe im Dunkel des Erwachsenenalters. Nach den archaischen Traditionen der entlegenen Region in Chinas Liangshan-Bergen beginnt jenes bereits für Qihuo, deren Initiations-Ritus einen verfrühten Abschied von der Kindheit markiert.
Die Eltern, mit denen die junge Hauptfigur während der semi-fikionalen Wanderung wiederholt telefoniert, sind Wanderarbeitende, die von ihr die Pflichten und Verantwortung einer Erwachsenen erwarten. Mit ihren besten Freundinnen Atnyop und Itgop unternimmt sie einen Ausflug zu den Marktständen der umliegenden Dörfer, um für das Initiationsfest einen neuen Rock zu kaufen. Die von den Mädchen selbst improvisierte Tour durch die trügerisch malerische Gebirgslandschaft ist eine fiktive Ergänzung ihrer authentischen Lebensumstände, die Armut, Traditionalismus und patriarchalischen Strukturen bestimmen.
In zurückhaltenden Aufnahmen beobachtet die chinesische Regisseurin die authentischen Emotionen innerhalb der erfundenen Episode. Deren spielerische Spontanität unterbrechen symbollastige Szenarien von Alter, Endlichkeit und Abschied. Erwachsene Erwartungen werden Qihuo übergestülpt wie ein Kostüm, in das sie noch nicht hineinwachsen konnte. Die Suche nach dem Kleidungsstück spiegelt die Suche nach Identität und Akzeptanz in einem familiären Umfeld, geprägt von Vorwürfen und Kälte. Vor deren Hintergrund ist die gemeinsame Unternehmung der Freundinnen auch eine kleine Flucht vor einer Zukunft, der sie nicht dauerhaft entkommen können.
Fazit
Dramatische Steigerung vermeidet die mäandernde Story Dongnan Chens zarter Hybrid-Doku ebenso wie eine klare narrative Auflösung. Ähnlich seinen heranwachsenden Charakteren befindet sich die sensible Inszenierung in einem ständigen Schwebezustand. Die aufmerksamen Kameraaufnahmen unterteilen von lokalen Sagen inspirierte Animationen in unscharfe Kapitel. Obzwar narrative Entwicklungen rar bleiben, besticht die dokumentarische Fabel durch intime Nähe und die ungebrochene Relevanz ihrer Themen. Die einnehmenden Charaktere des inszenatorisch und inhaltlich gleichsam leisen Wettbewerbsbeitrags von CPH:DOX vermitteln die Unsicherheit und Resilienz anbrechender Jugendlichkeit mit intuitiver Intensität.
Autor: Lida Bach