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Das Land Utopia ist geplagt von Rezession und Arbeitslosigkeit. Den Juden wird daran die Schuld gegeben. Per Volksentscheid werden sie des Landes verwiesen. Mit weitreichenden Folgen…

Kritik

Ein auf den ersten Blick verblüffend prophetisches Werk, das sich allerdings bei genauerer Betrachtung lediglich bereits zu einem frühen Zeitpunkt mit einem längst aktuellen Problem und dessen möglichen Folgen beschäftigte. 1922 erschien der gleichnamige Roman von Hugo Bettauer, einem in Österreich ansässigen, zum christlichen Glauben konvertierten Juden. Aufgrund dem schon damals allgegenwärtigen, negativen Klima gegenüber der jüdischen Gemeinschaft strickte er eine vermeidlich überspitze Extreme, die auf deren gesellschaftliche Verbannung hinausläuft. Zwei Jahre später drehte Hans Karl Breslauer diesen Film, der zuletzt 1933 öffentlich aufgeführt wurde und danach Jahrzehnte lang als verschollen galt. 1991 wurden Fragmente davon im Nederlands Filmmuseum entdeckt und aufgrund diesen eine aufwendige Rekonstruktion betrieben. In der Folge gab es einige Versionen, die aktuelle von 2019 gilt als Kompletteste und wurde zudem mit einer eigens von Olga Neuwirth komponierten Musik in einen audiovisuell völlig neuen Kontext gerückt.

Armut, Arbeitslosigkeit und Regression setzt dem gemeinden Volk von „Utopia“ (im Roman noch unverblümt als Österreich bzw. Wien benannt) zu. Die allgemeine Unzufriedenheit, Perspektivlosigkeit und der Zorn bündeln sich gegen diejenigen, die offenbar von dem Elend profitieren: Die Juden. Diese repräsentieren einen verhältnismäßigen großen Anteil der erfolgreich Geschäftstreibenden. Börsenspekulanten, Boutiquen-Besitzer, internationale Kaufleute. Die wirtschaftliche Elite, die im Luxus schwelgt, während die einheimische Währung rapide an Wert verliert und der einfache Arbeiter auf der Straße sitzt. Der politische Druck wächst, denn die durch Verzweiflung und Stammtisch-Polemik angeheizte Lage mündet in immer energischeren Demonstrationen. Opportunistisch spannt der Kanzler die Sache vor seinen politischen Karren, um in der Spur zu bleiben und gleichzeitig auch die Unterstützung zahlungskräftiger, sehr offensiv antisemitischer Sponsoren aus Übersee einzusacken.

Es folgt eine „gewaltlose“ Deportation. Ausgiebig schildert der Film die Ausweisung der Juden. Eine „zivilisierte Reinigung“. Sie beugen sich ihrem Schicksal, reisen aus. Massenhaft, in Zügen, nur noch nicht eingepfercht in Richtung eines Vernichtungslagers. Nur aufgrund dieser Tatsache natürlich etwas weniger grausam, aber keinesfalls weniger erschreckend im Grundsatz. Die Stadt ohne Juden setzt sich anschließend damit auseinander, was diese populistische Lösung denn eigentlich bewirken würde. Abseits von einem Regime, sondern in einer wirklich aus reiner Naivität und Dummheit agierenden Gesellschaft, die noch die Chance hat, sich ihres Fehlers bewusst zu werden. Damit greift die fiktive der realen Geschichte voraus und sollte eigentlich verdeutlichen, dass sich die öffentliche Stimmung in die völlig falsche Richtung bewegt. Die Intention dieses Films und die glasklar vermittelte Botschaft war seiner Zeit absolut notwendig, ehrenhaft und ist es leider immer noch, wobei man ihn dringend auch reflektiert betrachten muss.

Moralisch ist der Film einwandfrei, präsentiert es aber auch in einer angreifbaren Art und Weise. Damit wird sich kaum ein Verblendeter oder Verwirrter eines Besseren belehren lassen, dafür bedient er leider auch negativ behaftete Klischees. So erzwingt der jüdische Protagonist genau genommen durch listige, subversive und intrigante Machenschaften einen Umschwung der allgemeinen, gesellschaftlichen Stimmung. Für eine gute, eine richtige Sache. Dennoch wird genau das Bild mehr oder weniger bestätigt, dass kurz danach die NSDAP zum Schüren der Furcht einer schlichten und verunsicherten Bevölkerung verwendete. Das besaß ursprünglich und würde neutral betrachtet auch heute überhaupt keinen negativen Beigeschmack beibehalten, alle Faktoren einbezogen wirkt es leider unglücklich; mitunter sogar kontraproduktiv. Nicht für jeden mit gesundem Menschenverstand. Der erkennt aus dem hervorragend neu vertonten Film selbstverständlich die so wichtige aber auch selbstverständliche Lehre, dass eine gesunde Gesellschaft voneinander profitiert, anstatt sich ängstlich isoliert. Der Film kam zur richtigen Zeit, wurde nicht entsprechend wahrgenommen und wurde von den Ereignissen praktisch überrollt. Filmhistorisch wahnsinnig interessant, narrativ wie technisch längts nicht mehr im Urzustand und daher kaum noch naturell zu beurteilen, dafür in dieser Fassung durchaus gelungen neu interpretiert.

Fazit

Eine spannende Zeitreise, bei der ein verschollener und seiner Zeit enorm wichtiger Film neu interpretiert und entdeckt werden darf. Das kann unmöglich noch exakt der ursprünglichen Fassung im Detail entsprechen; es existieren auch anderweitige Versionen. Diese aufwendig restaurierte und bemerkenswert effektvoll neu-vertonte Präsentation kommt der ursprünglichen Intention wohl sehr nahe, ohne die durchaus auch diskutablen Schwachstellen nicht gänzlich auszuklammern.

Autor: Jacko Kunze

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