MB-Kritik

Doggerland 2026

John Holm
Anita Holm
Roger Carlsson
Kalle Thuleman
Astrid Drettner
Lotta Bäck-Vogel
Marcos Fuenzalida
Ilya Wikström
Hannah Wiker Wikström
Martin Grennberger
Stefan Ramstedt
Jan Lindqvist
Eva Eklund
Mam Häll

Inhalt

Der noch bei Mutter Monica wohnende vierzigjährige Diabolo-Performer Alf flaniert durch Norrköping, wo jener kulturpolitische Kahlschlag wahr wurde.

Kritik

Gibt es eine Alternative zum Kapitalismus? Und wenn ja, wo kann man die kaufen? Der schwedische Filmemacher Kim Ekberg, dessen Produktionsfirma „Post Post“ sich eine stark systemkritische Haltung auf die Stirn schreibt, scheint jedes Level des Independent-Hipstertums bereits durchgespielt zu haben: Neben Arbeit als Filmkritiker und Musikvideoregisseur hat der selbsternannte Antikapitalist nun auch mehrere Kurz- und Langfilme realisiert, sein neuestes Ergebnis stellt das schwelgisch, treibende Drama Doggerland dar. Hier entführt uns die körnige 16-mm-Kamera direkt in nostalgische Aufnahmen des leicht vorurbanen Norrköping. Das leise Treiben des Flusses und die aufsteigenden Wolken lassen die entschleunigte Rhythmik seines Subjektes, des 40-something Alf (John Holm), antizipieren. Sowohl die verträumte skandinavische Titelmelodie als auch der Vintage Credits-Font evozieren einen vergessenen Film aus den späten 1960ern, lediglich moderne Autos oder der Computer, vor dem Alf zu plärrenden YouTube-Videos dennoch wegdöst, verraten die gegenwärtigen Instagram-Ambitionen des Projekts und damit auch dessen inhaltslose Manieriertheit. 

Die von Ekberg selbst geführte 16-mm-S/W-Kamera ist die klare Hauptattraktion des Filmes: Die Bilder von Doggerland entführen gekonnt in die Magie der Vorstadt und machen Mondänitäten wie eine Wäschelinie im Garten, Vögel auf dem Dach oder eine im Dunkeln glühende Frendo-Tankstelle zum heiligen Vibes-Artefakten. Dieser permanente Verweis auf das Analoge hat Methode und spiegelt sich im Kontrast des arbeitslosen Herumtreibers Alf mit seiner alternden Mutter Monica (Anita Holm), die nicht vor besagtem Bildschirm um Mitternacht schläft und lieber wohl gepflegt 8mm-Bilder entwickelt. Von ihrem Sohn erwartet Monica, dass er sich doch endlich einen richtigen Job sucht und aufhört, mit „Losern“ sich rumzutreiben. Ekbergs Fokus auf das ungleiche Mutter-Sohn-Gespann ist neben den nostalgisch-verklärten Bildern das Herzstück des Filmes und würde als narrativer Unterbau für eine ästhetische Spielerei durchaus genügen. Wenn Ekberg Alf und Monica im letzten Drittel auf eine gemeinsame Reise schickt, in dem die altertümliche Ästhetik urplötzlich leises Unbehagen und eine immersive Beschränkung ausdrückt, kommt das leider zu spät.

Über den Großteil der Laufzeit ist der Film eher an der Ziellosigkeit Alfs interessiert und kann dies selbst nur durch eigene fehlende Dringlichkeit ausdrücken. Bis zu seinem Finale ist ein kommunistisches Theaterspiel, dem Alf desinteressiert beiwohnt, welches vom Film mehrere Minuten lang verfolgt wird, noch die expliziteste Näherung an Narrativ. Leider drückt sich in solchen Momenten eher die naive, sich einem Kino des einfachen Volkes verschriebene und ins Arrogante driftende Haltung des Filmes aus. Es bleibt offen, ob wir den relukten Alf als Systemkritiker interpretieren sollen, wenn er von Anfang mit Desinteresse an der bald anstehenden Wahl charakterisiert wird. Viel eher ist er die ältere Version eines Typus vergangener Filmjahre: des nutzlosen Flaneurs, der vom beschleunigten Kapitalismus und Modernismus, dessen Produkt er repräsentiert, selbst gefrustet ist, aber ohne Triebkraft oder Ventil für diese Frustration. Ekbergs Film gibt in seiner „No Plots, just Vibes“-Haltung diesem Typus ein kinematografisches Element: Antikapitalismus, das sind Instagram-Aufnahmen von Mutters Stube, von Rauch der an Lampen vorbeizieht, und nicht viel mehr.

Fazit

„Doggerland“ könnte einfach nur ein schön fotografiertes Moodpiece eines Herumtreibers und dessen herzhaften Mutter sein. Doch ein schwer greifbarer und kaum ausformulierter Klassenkampf-Unterbau in Kombination mit einem narrativen Desinteresse an diesem lässt Kim Ekbergs Schwarz/Weiß Vintage-Trip zu einer ziellosen und frustrierenden Odyssee in die selbstgeschaffene Bedeutungslosigkeit werden.

Autor: Jakob Jurisch
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