Inhalt
1896 gelang Äthiopien der Sieg über Italien, wodurch ein erster Eroberungsversuch zurückgeschlagen wurde. Als Mussolini und die Faschisten 1922 an die Macht kamen, wurde die bis dahin abstrakte Gefahr eines weiteren Angriffs konkret. 1935 überfiel Italien das ostafrikanische Land erneut und überzog es mit einem brutalen Krieg, schreckte auch vor dem Einsatz von Giftgas nicht zurück.
Kritik
Mit fast neun Stunden Laufzeit ist Haile Gerimas (Morgentau) umfassende Aufarbeitung der brutalen Invasion Äthiopiens durch Italien 1935 ein in seinem Umfang und seiner historischen Gewichtung nahezu erschlagendes Dokument. Ebenso erdrückend ist die ungebrochene Aktualität der definierenden Chronik, die im Forum der 76. Berlinale ihre Premiere feiert. Das epische Dokumentarkino über Kolonialismus in Vergangenheit und Gegenwart, Widerstand und ungesühnte Verbrechen markiert die Rückkehr des äthiopisch-amerikanischen Regisseurs zur filmischen Langform mit geschärftem Fokus auf Archivierung und visuelle Repräsentation.
Bereits die Entstehungsgeschichte des aufwühlenden Kompendiums von Archivbildern, Gegenwartsbeobachtungen und sezierender Analyse zeugt von dessen historischer Bedeutung. Über 30 Jahre arbeitete Gerima an der filmischen Revision der Kolonialgeschichte, deren Gedenken elementaren Einfluss auf mehrere Generationen Äthiopiens hatte. Zugleich ist die Dokumentation einer in westlichen Lehrbüchern oftmals ausgeblendeten oder verzerrten Geschichte eine dringliche Kritik der historiographischen Hierarchien. Die konzentrierte Struktur verwebt die vielfältige Materialsammlung zu einem Panorama des Widerstands gegen menschenverachtende kolonialistische Gewalt.
Immer tiefer durchdringt die zielgerichtete Studie die Wirkungsmechanismen systemischer Unterdrückung, indem sie persönliche Erinnerung mit geschichtlichen Zeugnissen und narrativer Reflexion verwebt. Jene hintergründige Montage vermittelt Geschichte als fortwirkenden Prozess, der bis in die rassistischen Ideologien und den neo-faschistischen Populismus der italienischen Gegenwartspolitik reicht. Diese grundlegende Auseinandersetzung mit der Art historischer Darstellung enthüllt das manipulative Potenzial ideologischer Narrative sowie die Appropration historischer Stimmen. Kontextualisierung, Dekonstruktion und Neupositionierung propagandistisch missbrauchter Bilder schafft eine gleichsam essenzielle und eindringliche Korrektur kolonialgeschichtlicher Konzepte und akzentuiert die Unverzichtbarkeit diverser Dokumentaristen.
Fazit
Ebenso präsent wie die militärischen Konflikte und Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind die vielfachen Formen des Widerstands, insbesondere auch diplomatischer und kultureller Form. Intime und kollektive Perspektiven vermischen sich in den Berichten von Zeitzeug*innen, die Gedenken als grundlegenden Aspekt kultureller Identität und Autarkie verstehen. Subjektive Stimmen schaffen einen authentischen Gegenentwurf zu den dominierenden europäischen Konstrukten. Die kontinuierliche Rückbesinnung auf die Dynamik von Bildern, Machtverhältnissen und Geschichtsschreibung macht Haile Gerimas erschöpfendes, doch fundamentales Mammut-Werk zu einer im doppelten Sinn historischen Rekonstruktion von kraftvoller Konsequenz.
Autor: Lida Bach