Inhalt
Douglas Gordon wuchs während der wirtschaftlich und politisch düsteren Thatcher-Ära im schottischen Glasgow auf und gehört zu den wichtigsten und einflussreichsten Künstlern seiner Generation. Bekannt ist er vor allem für Filme wie Zidane: A 21st Century Portrait, der in Cannes Premiere feierte, und großformatige Videoinstallationen wie 24 Hour Psycho, die mit dem Turner Prize ausgezeichnet wurde. In diesem schonungslos ehrlichen und intimen Film, der die Grenzen zwischen Realität und Performance auslotet, offenbart der Künstler seine Seele und seine persönlichsten Gedanken, während er an neuen Werken arbeitet.
Kritik
“It’s not a documentary, it’s a feature.”, sagt Douglas Gordon (Zidane - Ein Porträt im 21. Jahrhundert) im Interview über seine filmische Kollaboration mit Finlay Pretsell. Dessen Faible für komplexe Persönlichkeiten und ungewöhnliche perspektivische Ansätze findet ein perfektes Pendant in Gordons kreativer Auseinandersetzung mit Projektion im visuellen und psychologischen Sinn, Paradoxa und Dualität sowie der aktiven Beteiligung der Betrachtenden an Kunstwerken. So ist auch beider prismatisches Porträt ein genreübergreifenden Gegenentwurf zu konventionellen Dokumentationen, die sich ihrem Subjekt durch Interviews und Lebensläufe annähern.
Der abgedunkelte Raum Gordons Berliner Studios ist der zentrale Schauplatz der erratischen Studie, die spontane Aktionen, Alltagsmomente und performative Posen nahtlos verwebt. Intime Gespräche am Telefon, halb ironische Kommentare für die Kamera und offene Auseinandersetzungen mit dem Regisseur machen das widersprüchliche Wesen des Protagonisten umso greifbarerer, umso mehr eindeutige Definitionen von Wahrheit und Spiel, Echtheit und Verstellung zerfallen. Bereits der visuelle Auftakt, der zu hektischen Schnitten und treibender Musik Ausschnitte Gordons filmischer Arbeiten einstreut, verwischt die Grenze zwischen Filmemacher und Filmcharakter auch auf schöpferischer Ebene.
Diese Appropriation, Integration und Wiederverwertung sind direkte Bezüge zu Gordons Schaffen, das sich damit motivisch und methodisch auseinandersetzt. Seine bekanntesten Kunstprojekte untersuchen den elementaren Einfluss von Film und Kino auf Popkultur und Gesellschaft. Innovative Installationen wie “24 Hour Psycho”, das Hitchcocks Film auf 24 Stunden ausdehnte, brachten ihm den Turner Prize als einer der jüngsten Kandidaten und erster, der für Video-Kunst ausgezeichnet wurde. Mit seinem chaotischen Studio eröffnet Gordon zugleich einen Teil seines psychischen Universums, den Ausstellungswerke kaum enthüllen.
Fazit
Bereits der Titel Finlay Pretsells faszinierenden Panoptikums, das im Panorama der 76. Berlinale Premiere feiert, doppelt und teilt Douglas Gordon in Auteur und Sujet. Mit dieser subjektiven Fragmentierung spielt und ringt das intime Porträt, das sich konzeptuellen Konflikten ebenso konsequent stellt wie Pretsell sich den pointierten Provokationen Gordons. Das rigorose Kondensieren der Hunderten Stunden Drehmaterial erhöht die innere Spannung der visuell bewusst rohen Aufnahmen. Unschärfen, diffuses Licht und verwinkelte Einstellungen werden zu optischen Metaphern der verschlungenen psychischen Pfade konfrontativer Kreativität.
Autor: Lida Bach