Inhalt
Frank, der eine lebenslange Haftstrafe verbüßt, nimmt im Gefängnis eine Arbeit an, bei der er sich um ältere Häftlinge mit Alzheimer und Demenz kümmert. Was als eigennütziger Versuch beginnt, eine vorzeitige Entlassung zu erreichen, entwickelt sich zu einer tiefen, transformierenden Verbindung mit seinem Mithäftling Louis und bietet Frank einen Hoffnungsschimmer auf Erlösung an einem unbarmherzigen Ort.
Kritik
Welche Funktion- und Berechtigung - hat Strafe, wenn ein Mensch seine Verbrechen nicht mehr geistig erfassen kann und die daraus resultierenden Maßnahmen nicht mehr versteht? Kann das Leiden körperlicher Krankheit anstelle einer Urteilsvollstreckung Genugtuung für begangene Taten verschaffen? Wie viel Zuwendung verdienen diejenigen, die anderen ihre Menschlichkeit absprechen? Gewichtige ethische Fragen durchziehen Petra Volpes (Heldin) vierten Kinospielfilm und englischsprachigen Debüt, das im internationalen Wettbewerb von Sundance Premiere feiert. Doch die Schweizer Regisseurin konzentriert sich in ihrem mit Esther Bernstorff verfassten Drehbuch mehr auf zwischenmenschliche Aspekte denn Moralphilosophie und Systempolitik.
Entsprechend oberflächlich bleibt das gediegene Gefängnisdrama, dessen eindringliches Schauspiel nur bedingt die unentschlossene Dramaturgie ausbalanciert. Der wegen eines Mordes im Affekt lebenslänglich einsitzende Frank (Kingsley Ben-Adir, Bob Marley: One Love) meldet sich für ein Sozialprogramm, in dessen Rahmen Häftlinge an Demenz erkrankte Langzeitinsassen betreuen. Dass seine Motivation weniger Altruismus ist als seine bevorstehende Bewährungsanhörung durchschaut auch die leitende Ärztin Dr. Watts (Indira Varma, Coldwater). Wie zum Test delegiert sie ihn an den unzugänglichen Lebenslänglichen Louis (Rob Morgan, 1883: The Bass Reeves Story). Der einst gefürchtete Schwerverbrecher ist nur noch ein Schatten seiner selbst, verwirrt und verängstigt.
Gegenseitiges Misstrauen weicht langsam einer emotionalen Nähe zwischen den verbitterten Männern, deren Lebenswege und Fallgeschichten Parallelen verraten. Beide haben kaum familiäre Kontakte und waren in Jugendjahren Komplizen bei Verbrechen, die tödlich eskalierten. Beide wurden hinter Gittern gewalttätig und haben keine realistische Aussicht auf Freiheit. Jene dramaturgischen Details rühren an dringliche Fragen über das Grundkonzept von Haft, insbesondere jahrzehntelanger oder unbegrenzter Strafmaße. Er müsse an eine göttliche Vorsehung glauben, sagt Franks kameradschaftlicher Mithäftling Julian (Residente, Old Dogs - Daddy oder Deal): „… or I kill myself.“ Doch die brutale Implikation solcher Worte ignoriert die idealistische Episode.
Deren minimalistischer Plot stützt sich stattdessen auf vertraute Tropen und etablierte Narrative, deren vorhersehbarer Verlauf die dramatische Originalität und emotionale Glaubwürdigkeit untergräbt. Die namenlose Haftanstalt, deren Mauern die Kamera nie verlässt, und Abwesenheit spezifischer sprachlicher oder visueller Orientierungselemente gibt den Ereignissen ein unterschwelliges Air artifizieller Austauschbarkeit. Beide verstärkt die auffällige Ähnlichkeit zu Greg Kwedars Sing Sing, den ebenfalls ein reales Programm für Strafgefangene inspirierte. Der respektvolle Kamerablick Judith Kaufmanns und die nuancierte darstellerische Dynamik schaffen beeindruckendes Schauspielstück, das der Bühne näher checkt als dem Leben.
Fazit
Angelehnt an das Gold Coats Programm der kalifornischen Strafanstalt in San Luis Obispo konstruiert Petra Volpe ein formal und dramaturgisch gleichsam reduziertes Häftlingsdrama. Dessen thematische Überschneidungen mit ihrem hochgelobten Drama Heldin - Überforderung in einer Betreuungsposition, Konflikte und Bindungen zwischen Insasse und Betreuungsperson, menschlicher Einsatz als (unzureichender) Ausgleich systemischer Missstände - sind die klaren Stärken der behutsamen Beziehungsstudie. Jene vermeidet beflissen neben Systemkritik auch eine tiefere Auseinandersetzung mit den diffizilen Fragen, die ihr Drehbuch teils dialogisch ausformuliert. So menschlich nah die Hauptfiguren einander kommen, so distanziert bleibt das Publikum.
Autor: Lida Bach