6.3

MB-Kritik

Ghost in the Cell 2026

Comedy, Horror, Thriller

6.3

Abimana Aryasatya
Bront Palarae
Dimas Danang
Endy Arfian
Lukman Sardi
Mike Lucock
Yoga Pratama
Morgan Oey
Aming
Rio Dewanto
Tora Sudiro
Almanzo Konoralma
Kiki Narendra
Haydar Salishz
Arswendy Bening Swara
Dewa Dayana

Inhalt

Noch können die Insassen des Hochsicherheitstrakts hämisch lachen: Dem schmächtigen Neuankömmling mit der Nickelbrille und dem scheuen Blick steht „Opfer“ nur allzu deutlich auf die schweißige Stirn geschrieben. Doch Häftling 1919 hat etwas im Gepäck: Einen bestialischen Geist, der jeden massakriert, dessen Puls auf 180 steigt. Wer aus seiner Haut fährt, fährt hier wirklich aus der Haut.

"Ghost in the Cell" wird im Rahmen des 40. Fantasy Filmfest gezeigt. Weitere Infos hier

Kritik

Joko Anwar gehört zu den wichtigsten Filmemachern des modernen indonesischen Kinos. Seit seinem Regiedebüt im Jahr 2005 hat er sich nie auf ein Genre festlegen lassen. Noir, Thriller, Superheldenabenteuer und vor allem Horror gehören zu seinem Repertoire. Dabei verbindet Anwar gerne klassische Genremuster mit gesellschaftlichen Beobachtungen. Filme wie Modus Anomali - Gefangen im Wahnsinn, Satan's Slaves und Impetigore zeigen einen Regisseur, der Unterhaltung nie völlig von politischen oder sozialen Fragen trennt. Seine Arbeiten haben ihm nicht nur mehrere Citra Awards eingebracht, sondern auch international Aufmerksamkeit verschafft. Anwar ist damit weit mehr als ein erfolgreicher Genre-Regisseur: Er gehört zu den prägenden Stimmen eines indonesischen Kinos, das zunehmend selbstbewusst über die eigenen Landesgrenzen hinausblickt.

Mit Ghost in the Cell zieht es ihn nun in ein Hochsicherheitsgefängnis. Dort herrschen Gewalt, Willkür und ein tyrannischer Gefängnisdirektor. Als plötzlich Häftlinge auf grausame Weise ums Leben kommen, scheint ein unsichtbares Wesen für die Mordserie verantwortlich zu sein. Rivalisierende Gefangene müssen ihre Feindschaft überwinden und gemeinsam herausfinden, wie sich der übernatürliche Gegner aufhalten lässt. Das klingt zunächst nach klassischem Gefängnishorror, doch Anwar hat deutlich weniger Interesse daran, sein Publikum dauerhaft das Fürchten zu lehren. Stattdessen verwandelt er die Ausgangssituation in eine groteske Mischung aus Splatter, schwarzem Humor, Buddy-Komödie und politischer Satire.

Kein Grusel, dafür viel Blut und Blödsinn

Gerade diese Tonlage macht den Film so eigenwillig. Ghost in the Cell ist ausgesprochen blutig, aber selten wirklich gruselig. Die Gewalt wird nicht nur als Schockeffekt eingesetzt, sondern immer wieder ins Absurde überführt. Körper werden zu grotesken Kunstwerken, Menschen reagieren auf lebensbedrohliche Situationen mit überraschenden Albernheiten und zwischen Faustkämpfen, Gebeten und absurden Einfällen bleibt immer wieder Raum für schrägen Humor. Anwar besitzt dabei ein bemerkenswertes Gespür für Timing. Der Film weiß, wann er die Spannung anziehen und wann er sie mit einem vollkommen bekloppten Einfall wieder zerlegen muss.

Besonders ab der zweiten Hälfte dreht Ghost in the Cell dann noch einmal kräftig auf. Die Idee, mit der die Häftlinge versuchen, den Geist auszutricksen, gibt der Geschichte einen völlig neuen Rhythmus. Plötzlich wird getanzt, improvisiert und herumgesponnen. Was zunächst wie ein ziemlich konventioneller Horrorfilm beginnt, entwickelt sich zu einem regelrechten Fun-Splatter, der seine eigenen Regeln mit sichtlichem Vergnügen über den Haufen wirft. Dazwischen entstehen sogar überraschend herzliche Momente zwischen Figuren, die unter normalen Umständen vermutlich lieber aufeinander losgehen würden.

Hinter dem ganzen Wahnsinn steckt eine politische Ebene

Hinter dem ganzen Irrsinn steckt allerdings ein durchaus ernster Kern. Anwar versteht das Gefängnis als Spiegel seiner Heimat: Die Häftlinge stehen für die Bevölkerung, das unsichtbare Monster für ein korruptes System und die überforderten Wärter für eine Regierung, die dem Geschehen weitgehend tatenlos zusieht. Diese politische Ebene ist nicht besonders subtil, passt aber hervorragend zur überdrehten Inszenierung. Ausgerechnet das Übernatürliche wird zum Bild für eine Realität, die ohnehin schon absurd genug erscheint.

Ganz rund ist das Ergebnis trotzdem nicht. Die einzelnen Ideen sind häufig stärker als die Geschichte, und die wilde Mischung aus Horror, Satire und Klamauk verliert gelegentlich ihren Fokus. Wer klassischen Grusel erwartet, dürfte zudem enttäuscht sein. Dafür entschädigt Anwar mit einer angenehm anarchischen Energie und einigen herrlich grotesken Einfällen. So bleibt Ghost in the Cell ein ziemlich schräger Spaß, der weniger unter die Haut geht als auf die Lachmuskeln und gelegentlich ziemlich derbe Treffer landet. Nicht jede Idee zündet, doch wenn Anwar den Wahnsinn von der Leine lässt, entwickelt der Film einen ganz eigenen Charme. Ein Festival-Crowdpleaser mit Ecken, Kanten und ordentlich Kunstblut.

Fazit

Blutiger Gefängnis-Irrsinn zwischen Splatter, schwarzem Humor und Gesellschaftskritik: Nicht jeder Gag sitzt, doch wenn Joko Anwar den Wahnsinn von der Leine lässt, wird’s herrlich schräg.

Autor: Sebastian Groß
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