Manchmal sind es gerade die Filme, deren Titel und Prämisse nach austauschbarer Actionkost klingen, die überraschend andere Wege einschlagen. Hunting Season – Blutige Fährte gehört genau in diese Kategorie. Zwar verspricht die Ausgangslage einen geradlinigen Überlebenskampf zwischen einem wortkargen Einzelgänger und einem brutalen Kartell, tatsächlich interessiert sich Regisseur Raja Collins aber deutlich stärker für seine Figuren als für Explosionen oder Dauerfeuer.
Im Mittelpunkt steht dabei Bowdrie, der gemeinsam mit seiner Tochter Tag ein abgeschiedenes Leben in den Wäldern Oklahomas führt. Als die beiden einer schwer verletzten jungen Frau Zuflucht gewähren, gerät ihre mühsam aufgebaute Idylle ins Wanken. Aus einer scheinbar einfachen Entscheidung, einem Menschen zu helfen, entwickelt sich ein Konflikt, der nicht nur ihre Sicherheit bedroht, sondern auch Fragen nach Verantwortung, Familie und Vergangenheit aufwirft.
Die größte Stärke des Films liegt indes in seinem ungewöhnlich ruhigen Erzählrhythmus. Statt den Zuschauer früh mit Action zu überrollen, nimmt sich Hunting Season Zeit, die Beziehung zwischen Vater und Tochter zu etablieren. Gerade diese Momente verleihen der späteren Eskalation das notwendige emotionale Fundament. Bowdrie ist kein unverwundbarer Actionheld, sondern ein Mann, der lieber Konflikten aus dem Weg geht und dennoch bereit ist, alles für seine Tochter zu riskieren. Mel Gibson verkörpert diese Mischung aus Härte, Erfahrung und stiller Fürsorge mit einer Präsenz, die den Film beinahe mühelos trägt. Auch Sofia Hublitz überzeugt als Tag. Ihre Figur entwickelt sich glaubwürdig von einer jungen Frau, die in der Isolation ihres Vaters aufgewachsen ist, hin zu jemandem, der eigene Entscheidungen treffen muss. Gemeinsam mit Shelley Hennig, die der verletzten January eine angenehme Natürlichkeit verleiht, entstehen die stärksten Szenen des Films – nicht während der Schießereien, sondern in den ruhigeren Augenblicken dazwischen.
Genau dort liegt allerdings auch eine verpasste Chance. Das Drehbuch deutet mehrfach an, dass Bowdrie eine Vergangenheit besitzt, über die besser geschwiegen wird. Seine Fähigkeiten, seine Vorräte und sein taktisches Vorgehen werfen Fragen auf, die der Film zwar bewusst aufwirft, letztlich aber kaum beantwortet. Dieses Geheimnis verleiht der Figur zwar eine gewisse Aura, verhindert aber zugleich, dass sie wirklich an Tiefe gewinnt.
Ähnlich zwiespältig fällt die Gegenseite aus. Alejandro bleibt trotz der engagierten Darstellung von Jordi Mollà ein erstaunlich eindimensionaler Antagonist. Seine überzeichnete Art steht im Kontrast zur ansonsten bodenständigen Inszenierung und nimmt den Konflikten stellenweise ihre Glaubwürdigkeit. Wo der Film auf leise Spannung setzt, wirkt sein Gegenspieler fast wie aus einem anderen Genre entsprungen. Und auch im letzten Drittel verliert Hunting Season etwas von seiner Eigenständigkeit. Nachdem der Film lange ein zurückhaltendes Familiendrama mit Thriller-Elementen bleibt, mündet er schließlich in einen recht konventionellen Showdown, der hinter der sorgfältig aufgebauten Atmosphäre zurückbleibt. Die Action ist handgemacht und angenehm bodenständig inszeniert, erreicht jedoch nie die Intensität, die der langsame Aufbau eigentlich verspricht.
Dennoch besitzt Collins' Film eine Qualität, die vielen vergleichbaren Genreproduktionen abgeht: Er verlässt sich auf seine Figuren, auf das Zusammenspiel seiner Darsteller und auf eine Spannung, die sich aus moralischen Entscheidungen ebenso speist wie aus Gewalt. Gerade dadurch wirkt Hunting Season weniger wie ein klassischer Actionfilm als vielmehr wie ein moderner Western, der seine Geschichte in die Wälder Oklahomas verlegt.