6.7

MB-Kritik

I Am Not a Witch 2017

Comedy, Drama

6.7

Maggie Mulubwa
Nellie Munamonga
Henry B.J. Phiri
Dyna Mufuni
Gloria Huwiler
Nancy Murilo
Ritah Mubanga
Chileshe Kalimamukwento
Travers Merrill

Inhalt

In einem abgelegenen Dorf in Sambia wird ein 8jähriges Waisenmädchen beschuldigt, eine Hexe zu sein. Sie wird in ein von der Regierung betriebenes Hexenlager gesteckt, doch ein hochrangiger Politiker findet Gefallen an ihr und nimmt sie unter seine ganz persönlichen Fittiche. 

Kritik

Aufgewachsen ist Regisseurin & Autorin Rungano Nyoni (Nordic Factory)zwar in Wales, geboren wurde sie jedoch in Sambia. Dort verbrachte sie aus Recherchezwecken einen Monat lang als Besucherin in einem über 200 Jahre alten Hexencamp. Was das ist? Dorthin werden als Hexen denunzierte Frauen verfrachtet, um die Allgemeinheit vor ihnen zu schützen und damit sie – praktischerweise – nützliche Zwangsarbeiten für eben jene vollrichtet. Was wie ein Relikt aus dem tiefsten Mittelalter klingt, ist in gewissen, sehr provinziellen Regionen Afrikas offensichtlich noch Realität. Noch abstrakter und verstörender, da der Rest der modernen Welt dort durchaus schon Einzug gefunden hat. Diese Erfahrungen verarbeitete Nyoni für ihren zweiten Spielfilm I Am Not a Witch, der das Schicksal einer 8jährigen Waisen (Maggie Mulubwa) beleuchtet, die aus völlig banalen Gründen in einem Dorf als Hexe bezichtigt wird. Als die Diensthabende Polizistin ihren Vorgesetzten anruft, meint man als mitteleuropäisches Publikum im ersten Moment, der Unfug würde schnell beendet werden, doch weit gefehlt. Der auf weltmännisch machende Mr. Banda (Henry B.J. Phiri) schmeißt sich in seinen feinsten Zwirn, nur mit samt einem Hexendoktor aufzutauchen und die Rechtsmäßigkeit der Verurteilung durch die wasserdichte Huhn-im-Kreis-Methode zu bestätigen.

In der Folge wird das Mädchen – von ihren nicht nur erwachsenen, sondern überwiegend schon im fortgeschrittenen Alter befindlichen Leidensgenossinnen auf den Namen Shula getauft – in ein Hexenlager gebracht. Dort werden die allesamt durch bloße Anschuldigungen (durch was sonst?) „verurteilten“ Frauen durch Schnüre an überdimensionalen Kordeln „angeleint“, so dass sie sich zwar in einem festgelegten Radius bewegen (und so noch praktische Zwangsarbeit auf dem Feld erledigen) können, aber daran gehindert werden, wegzufliegen und unschuldige Menschen zu töten. Nebenbei dienen die Damen auch als Touristenattraktion, wenn ungläubige Ausländer*innen wie in einem Zoo durch deren Gehege geführt werden. Dass dies die Insassinnen relativ widerstandslos aufnehmen, erscheint im ersten Moment verwunderlich, doch schnell erschließt sich: sie haben gar keine Wahl. Als Hexe denunziert zu werden ist praktisch eine Degradierung in das unterste soziale Glied dieser Gemeinde und vollkommen diskussionslos in ihrer Situation. Das Hexenlager ist ein Auffangbecken für die Ausgesonderten und wird als solches akzeptiert. Praktisch staatlich organisierte Sklavenarbeit und öffentliche Erniedrigung, bevor man sonst vermutlich schlicht totgeschlagen wird oder verhungert. 

Der Grenzen zwischen satirischer Überzeichnung, zynischer Groteske und schockierend-unfassbarer Realität verschwimmen bei Rungano Nyoni bis ins Unkenntliche. Wo das eine anfängt und das andere aufhört, dass liegt wohl sehr im Auge und Bauchgefühl der Betrachtenden, zumindest wenn man nicht selbst einen genaueren Einblick auf die tatsächlichen Situationen hat. Das wurde dem Werk bei seiner Veröffentlichung zum Teil negativ ausgelegt, doch ist es schlussendlich ziemlich egal, ob und wie Realität und Überzeichnung sich hier wann kreuzen, denn eine reine Existenz dieser Zustände im Hier und Jetzt spricht allein Bände. Verstörend sind dabei nicht irgendwelche Detailfragen, sondern die allgemeine Diskrepanz zwischen den dort stattfindenden Lebenswelten. Wo eine längst nicht rückschrittigen Zivilisation, bestens vertraut mit Handys, amerikanisierten Talk-Show-Formaten und den Kenntnissen über die angesagtesten Pop-Hits und ihre weiblichen Interpretinnen, ganz selbstverständlich einhergeht mit einem tief verwurzelten und gesellschaftlich unumstößlich akzeptierten Aberglauben, der sich eigentlich durch diese Weltoffenheit vollständig selbst egalisieren sollte. Während den „Hexen“ in ihrem Lager die Perücken von emanzipierten Frauen-Ikonen wie Rihanna oder Beyoncé angeboten werden, sind sie selbst das lebende Gegenbeispiel. In einem bizarren System, das „Hexen“ maximal die Absolution erteilt, indem sie sie fraglos allem unterwerfen in der Hoffnung, von einem wohlhabenden Sugar-Daddy eventuell noch erlöst und wieder resozialisiert-geehelicht werden.

Fazit

Selbst wenn „I Am Not a Witch“ ganz offensichtlich Satire betreibt, mag einem ein eventuelles Schmunzeln niemals über die Mundwinkel gehen, zu grauenhaft und selbst in seiner Obskurität glaubhaft erscheint das Gezeigte. Vor allem, da sich eben nie wirklich die Grenze ziehen lässt, wann hier Fiktion und Fakt ineinandergreifen. Ein böser, grausamer, aber ungemein wichtiger Film, der den Irrsinn von kulturell geprägter, struktueller Unterdrückung in vermeidlich selbst modernen Zivilisationen unmissverständlich und gewollt – im positivsten Sinne - plakativ zur Schau stellt. 

Autor: Jacko Kunze
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