Inhalt
Die Liebe des jungen queeren ukrainischen Paares Olya und Oleh wird auf die Probe gestellt, als die Transition eines der beiden mit Russlands Grossangriff kollidiert. Der Krieg verengt die Grenzen von Männlichkeit und Weiblichkeit; und sie ringen darum, ihre Verbindung und ihr Selbstverständnis zu bewahren.
Kritik
“Es hat angefangen.”, sagt Olya (Tanya Myronyshena) in einer frühen Szene Isabelle Stevers (Grand Jeté) binaristischen Beziehungsdramas zu ihrem Partner Oleh (Marcus Bright). Er erwidert, man könne die Bomben von Donbas nicht bis nach Kiev hören. Doch die Einschläge russischer Raketen sind nur wenige Straßen entfernt in der ukrainischen Hauptstadt. Der russische Angriffskrieg hat in vollem Ausmaß begonnen, und wie Olyas Vater später kommentiert, niemand von ihnen ist darauf vorbereitet. Letztes gilt in besonderer Form für das queere Pärchen im Zentrum des pseudo-progressiven Plots.
Dessen vorgeblich humanistische Akzeptanz und emotionale Authentizität anstrebende Story lanciert unter einer moralistischen Maske der Toleranz und Empathie ein Konglomerat konservativer Konstrukte. Jene reichen von einer rigiden biologistischen Binarität bis zu deren traditionalistischen Vorstellungen angepassten Gender-Rollen und einer pathologisierenden Perspektive auf Transidentität. Letzte erscheint als phasenhafte Pose, die trans Menschen wahlweise einnehmen und ablegen. So jedenfalls versucht es Oleh ganz selbstverständlich angesichts des verhängten Ausreiseverbots für Männer im wehrdienstfähigen Alter, zu denen er laut seines behördlich angepassten Ausweises nun zählt.
Beim gemeinsamen Ausreiseversuch mit Olya wird Oleh wegen seines männlichen Personeneintrags zurückgehalten. Der Hinweis auf seine von ihm selbst wiederholt als diagnostizierte „psychische Krankheit“ bezeichnete Identität kann die Grenzkontrolleurinnen nicht umstimmen. Er solle sich entscheiden, auf welche Toilette er gehen wollen, kommentiert die eine. Diese absolutistische Haltung vertritt auch der Plot, dessen Konzept weiblicher und männlicher Pflichten entsprechend patriarchalisch ausfällt. Wenn Oleh ein „richtiger“ Mann sein will, muss er laut der verkorksten Moral auch den traditionell männlichen Part des Kämpfers und Beschützers einnehmen.
„Trinken wir auf Männer, die an der Front kämpfen, und Frauen, die eine neue ukrainische Generation zur Welt bringen!“, artikuliert der Partner Olehs Schwester, die jüngst diese Fortpflanzungspflicht erfüllt hat, die wenig subtile Message der kalkulierten Gegenüberstellung von Kriegs- und Partnerschaftskonflikt. Olehs Transidentität erscheint innerhalb der innigen Liebe als destruktive Invasionskraft, die nur überwunden werden kann, wenn er ganz einem reaktionären Männlichkeitsideal entspricht. Seine temporäre Distanzierung von ihm legt sich mit beider Assimilation an ein konformistisches Konzept der heteronormativen Kernfamilie.
Fazit
Nach "Grand Jeté" widmen sich Isabelle Stever und ihre berufliche und private Partnerin und Drehbuchautorin Anna Melikova erneut einer Romanze im Zwiespalt zwischen äußeren Erwartungen und dem intimen Mikrokosmos der Charaktere. Deren nuancierte Darstellung seitens Myronyshena und Bright, der sich vor den zudringlichen Blicken der Kamera ebenso stark wie verwundbar zeigt, prallt auf eine ungleich apodiktische Sicht auf Beziehungen, Gender und Identität. Die Objektivität und Progressivität suggerierende Optik von Dokumentar- und Independent-Kino tarnt ideologische Ignoranz und toxischen Traditionalismus auf politischer und privater Seite.
Autor: Lida Bach