Inhalt
Herbst 1952: Die Journalistin Hedda und ihr Mann Winfried lauern Felix Kersten auf, dem ehemaligen Masseur von SS-Reichsführer Heinrich Himmler. Kersten behauptet, während des Nationalsozialismus Tausenden von KZ-Häftlingen zur Freiheit verholfen zu haben. Doch Hedda zweifelt. Was als Interview beginnt, entwickelt sich rasch zu einem psychologischen Katz-und-Maus-Spiel.
Kritik
„Every story has three sides. You’re. Mine. And the truth …“, verkündet Felix Randau (Der Mann aus dem Eis) auf der Programmseite des Locarno Film Festivals, wo sein biografisch inspiriertes Konversationsstück in der Sektion Piazza Grande Premiere feiert. Es ist eine ironisch passende Präambel und das nicht aufgrund ihres oberflächlichen Bezugs zur Handlung. Die implizite Aneignung eines Spruchs, den diverse Personen bereits als den ihren darstellten, spiegelt den prätentiösen Pseudo-Tiefgang der Inszenierung ebenso wie die megalomanische Mythologisierung des Protagonisten (Claes Bang, The Wrecking Crew). Letzter ist Felix Kersten, eine kuriose Fußnote des Faschismus,
Seine bescheiden Bekanntheit verdankt der vom korpulenten Babyface zum schnittigen James-Bond-Double ummodellierte Hauptcharakter seinem Status als Masseur Heinrich Himmlers. Der reale Kersten war nie eine prominente Figur, doch als solche präsentiert ihn das als Impromptu-Interview im Nachtzug angelegte Szenario. Dessen Absurdität wirkt fast schon wieder pointiert, entspricht sie doch Kerstens oft aberwitzigen Behauptungen, mit denen er erstaunlich - oder erschreckend - oft durchkam. Sein Kontakt mit einflussreichen Persönlichkeiten beschränkte sich großteils auf therapeutische Anwendungen, deren Heilwirkung so fragwürdig waren wie Kersten spätere Selbststilisierung zum Retter zahlreicher jüdischer Menschen.
Erst sollten es um die 60.000 gewesen sein, doch diese Zahl wuchs in seinen Memoiren auf über 100.000. Belege darf gibt es keine, dafür für Kerstens zahlreiche Betrügereien. Ambitionen, sich durch den Sumpf aus Fälschungen, Fabulieren und Faktenverdrehung zu recherchieren, hatte Randau nicht. Sein Kersten bleibt eine scheinhistorische Skizze und ist als solche nichtmal interessant. Gleiches gilt für die fiktive DDR-Journalistin Hedda (Valerie Pachner, Vier minus drei). Sie will mittels der Profilierung des mit seiner neurotischen Gattin (Susanne Wuest, In die Sonne schauen) auftretende Charakters ihren geschädigten journalistischen Ruf rehabilitieren.
Braunen Dreck am Stecken hat sie auch, doch solche vorhersehbaren Enthüllungen wachsen weder zu aufschlussreichen historischen Beobachtungen, noch zu einem gegenwartspolitischen Kommentar. Vor allem ist das mit zahlreichen Unterbrechungen als Katz-und-Maus-Klischee aufgezogene Geplänkel schlicht nicht spannend oder amüsant. Ein wenig Dynamik verraten einzig die unzuverlässig erinnerten Rückblenden zu Himmler, den Martin Müller (Red Sparrow) als gereizten Giftzwerg mimt. Sebastian Thalers abgedunkelte Bilder versuchen beflissen, das bühnenhafte Setting weniger papieren aussehen zu lassen als die Dialoge. Doch Chiaroscuro-Ausleuchtung und Noir-Flair steigern nur die stereotype Stilisierung.
Fazit
Als Porträt eines professionellen Hochstaplers überzeugt Felix Randaus konturloses Charakterbild eines exemplarischen Opportunisten der Nazi-Ära ebenso wenig wie als ambivalente Auseinandersetzung mit der subjektiven Sicht auf historische Fakten. Claes Bang in der psychologisch unterentwickelten Hauptrolle und Valerie Pachner als deren Presse-Pendant liefern sich ein intellektuelles Duell, dessen Suspense und Dramatik nie über einen Sitzplatz-Streit im Speisewagen hinauskommt. Ausstattung und Szenenbild sind unter ihrer aufgesetzten Eleganz erkennbar unecht, gleich eines ästhetischen Äquivalents der durchschaubaren Geschichtsverzerrungen. Dazu kommt ein fragwürdiges Fazit einer vermeintlich grundlegenden historischen Unsicherheit.
Autor: Lida Bach