Inhalt
Eigentlich sollte die vorübergehende Versetzung in die verschlafene Kleinstadt Normal für Sheriff Ulysses (Bob Odenkirk) eine willkommene Auszeit von Eheproblemen und beruflichen Rückschlägen sein. Doch als ein misslungener Banküberfall die trügerische Ruhe der Stadt durcheinanderbringt, wird schnell klar, dass die Bewohner weit mehr zu verbergen haben, als zunächst angenommen. Ulysses merkt plötzlich: Diese Kleinstadt ist alles andere als „normal“...
Kritik
Mit Nobody (2021) hat Bob Odenkirk eine erstaunliche zweite Karriere gestartet – weg vom schlitzohrigen, wortgewandten Anwalt hin zum widerwilligen Actionprotagonisten. Damals lebte der Reiz davon, dass man ihm die Eskalation kaum zutraute, bis sie dann umso heftiger einsetzte. Normal knüpft auf den ersten Blick genau dort an, doch schon nach wenigen Minuten wird klar: Hier geht es in eine andere Richtung.
Das liegt nicht nur am Drehbuch von Derek Kolstad, der mit John Wick und Nobody eine klare Handschrift etabliert hat, sondern vor allem an der Inszenierung von Ben Wheatley, der nach seinem Blockbuster-Ausflug Meg 2: Die Tiefe (2023) hier wieder in vertrauteren Terrain agiert. Sein Zugang verschiebt die Perspektive deutlich. Odenkirks Figur Ulysses ist kein verkappter Killer mit Vergangenheit, sondern ein Platzhalter-Sheriff in einer verschlafenen Stadt, der eigentlich nur darauf wartet, ersetzt zu werden. Ein Mann mit Prinzipien und moralischen Kompass, aber ohne Ambition, ohne Drang zur Gewalt – und gerade deswegen der perfekte Kontrast für das Chaos, in das er hineingezogen wird, als Korruption und Yakuza plötzlich seine kleine Welt infiltrieren.
Zwischen Provinz-Thriller und bitterböser Ironie
Normal ist nicht Nobody – und versucht auch gar nicht erst, dessen Rhythmus zu kopieren. Stattdessen setzt Wheatley auf einen lakonischen, oft erstaunlich trockenen Humor. Die Dialoge wirken bewusst spröde, fast beiläufig, während die Figuren sich durch eine Welt bewegen, die gleichzeitig banal und latent absurd erscheint. Man hat das Gefühl, als hätten sich hier Gestalten aus einem Fargo-Kosmos verirrt, nur dass sie hier eher pointiert karikiert, als wirklich ernstgenommen werden.
Die Inszenierung pendelt dabei zwischen zwei Polen. Einerseits entfaltet sich ein bodenständiger Provinz-Thriller, der sich Zeit nimmt, seine Schauplätze und Figuren wirken zu lassen. Andererseits bricht immer wieder eine überraschend explizite Gewalt durch, die fast schon überzeichnet wirkt. Blut spritzt, Körper brechen, und doch bleibt Wheatley merkwürdig distanziert. Diese Mischung verleiht dem Film eine gewisse Eigenwilligkeit, auch wenn sie nicht immer ganz aufgeht.
Odenkirk trägt das Ganze mit sichtbarer Spielfreude. Sein Ulysses ist kein Mann, der in die Rolle des Helden hineinwächst, sondern einer, der sich eher widerwillig durch die Ereignisse schleppt. Gerade diese Zurückhaltung macht ihn interessant. Er reagiert mehr, als dass er agiert – und genau darin liegt die leise Komik vieler Szenen. Der restliche Cast fügt sich stimmig ein, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Es entsteht ein Ensemble, das weniger durch große Momente als durch kleine, präzise gesetzte Nuancen überzeugt.
Ganz anders aber nicht wirklich überraschend
Allerdings erreicht Normal nie jene überrollende Intensität, die Wheatley ins anderen Arbeiten (etwa Kill List oder Sightseers) unter Beweis gestellt hat. Der Film bleibt über weite Strecken kontrolliert, fast vorsichtig. Überraschungen sind vorhanden, aber selten von der Art, die sich wirklich einbrennen. Stattdessen bewegt sich die Handlung in einem soliden Rahmen, der zwar unterhält, aber selten herausfordert.
Dennoch gelingt es Wheatley, sich zumindest ein Stück weit vom Schatten der offensichtlichen Vergleichswerke zu lösen. Wo John Wick auf stilisierte Perfektion setzt und Nobody die Katharsis in den Vordergrund rückt, interessiert sich Normal stärker für das Dazwischen – für Figuren, die weder Helden noch Antihelden sind, sondern schlicht fehl am Platz. Das verleiht dem Film eine eigene Note, auch wenn sie nicht konsequent ausgespielt wird.
Fazit
Eine verschmitzte Thriller-Komödie mit FSK-18-Freigabe, die mit spürbarer Lust versucht, Erwartungen zu unterlaufen und zugleich zu überzeichnen, ohne je ganz aus sich herauszugehen. Charmant getragen und angenehm eigensinnig, bleibt sie eine Randerscheinung des aktuellen Action-Trends – eine Mischung aus „Fargo“ und „Nobody“, die Funken sprüht, aber kein Feuer entfacht.
Autor: Sebastian Groß