Inhalt
„In Erinnerung an die schönen Tage mit ihm – und die bitteren zehn Jahre ohne ihn.“ Ein Hommage-Film des Kameramanns Seifollah Samadian, der bereits für Abbas Kiarostami hinter der Kamera stand, anlässlich dessen zehnten Todestags – so ließe sich „On the Road with Abbas Kiarostami“ nüchtern beschreiben. Doch der Anspruch und die Leistung dieses Films übertreffen Erwartungen bei weitem.
Kritik
Straßen besitzen eine Schlüsselfunktion in Abbas Kiarostamis (Wo ist das Haus meines Freundes?) filmischem Schaffen, vor der Kamera und dahinter. Als dramaturgischer Schauplatz, wandelbar und doch konstant, erfassen sie in der Enge des Autos die Weite der iranischen Landschaft, transportieren zugleich ein Gefühl von Freiheit und Eingrenzung, werden zum Ort von Begegnungen und Gesprächen. Manche davon wurden Teil der Filme des iranischen Regisseurs, der fest zum konservativen Kanon des patriarchalischen Kinos gehört; einer der „Altmeister“ einer Filmgeschichte, die diesen Titel stets nur Regisseuren verleiht.
Niemals Regisseurinnen wie der iranischen Filmemacherin und Schauspielerin Mania Akbari, die in Ten erscheint und nach eigener Aussage dessen prägende Struktur sowie große Teile der Aufnahmen kreiert hat. Auch in dem 2002 erschienen Werk ist die Straße ein ständig präsentes Element. Auf ihr fährt Akbari in der semi-fiktiven Rolle der Protagonistin durch Tehran, wo sie durch Interaktionen in 10 Vignetten die Strukturen patriarchalischer Unterdrückung aufzeigt. Kiarostami wurde für die damals kaum bekannte Hybrid-Form gefeiert und preisgekrönt.
Sowohl On the Road with Abbas Kiarostami, der in Busans Documentary Competition Premiere feiert, als auch der drei Jahre zuvor erschienen dokumentarischen Hommage Kiarostami At Work adaptiert sein langjähriger Kameramann und Freund Seifollah Samadian Struktur und Konzept von Ten. Akbari kreditiert er ebenso wenig wie seinerzeit Kiarostami seinerzeit. Nichts soll an die 2020 von Akbari gegen Kiarostami erhobenen Vorwürfe sexuellen Missbrauchs erinnern. Stattdessen erhält Jafar Panahi den indirekten Part eines kreativen Charakterzeugen innerhalb der romantisierten Revision.
Fazit
Naturalistische Handkamera-Szenen, deren körnige Optik Cinéma vérité und Autofiktion fließend ineinander gleiten lässt, zeigen Abbas Kiarostami aus der Perspektive seines Kameramanns und Vertrauten Seifollah Samadian als intuitives Genie. Mit scheinbar unfehlbarer Menschenkenntnis entdeckt er in den alten und jungen Gesichtern aus der iranischen Provinz ein besonderes Charisma, das Samadians Kamera später zum effektiv ausstellt. Tiefere Einblicke in die Gedankengänge und schöpferischen Prozesse des 2016 verstorbenen Regisseurs fehlen ebenso wie jede Spur einer kritischen Reflexion. Ein manipulativen Monument, voll selbstgenügsame Sentimentalität.