9.5

MB-Kritik

Queen at Sea 2026

Drama

9.5

Juliette Binoche
Tom Courtenay
Steven Cree
Florence Hunt
Anna Calder-Marshall
Michelle Jeram
Elizabeth Rushbrook
Noah Hunt Basden

Inhalt

Amanda und ihr Stiefvater Martin kämpfen mit einem moralischen Problem, das sie entzweit. Hat Amandas Mutter Leslie, die von fortgeschrittener Demenz betroffen ist, die Fähigkeit verloren, wichtige Entscheidungen in ihrem eigenen Interesse zu fällen? 

Kritik

“He thinks she’s giving consent”, und “He doesn’t have the right”, sagt Lance Hammer (Ballast) in einem Interview zu seinem diffizilen Demenz-Drama, mit dem er 18 Jahre nach seinem Spielfilm-Debüt in den Berlinale Wettbewerb zurückkehrt. “Er” ist der von Tom Courtenay (The North Water) bewegend verkörperte Martin, langjähriger Ehemann der an fortgeschrittener Demenz erkrankten Leslie (ein exzellente Anna Calder-Marshall, Bodies) und Stiefvater ihrer frisch getrennten Tochter Amanda (Juliette Binoche, In-I in Motion) Um das angespannte Beziehungsgefüge der drei zentralen Figuren entspinnt sich die thematisch und ethisch gleichsam schwierige Studie übertretener Grenzen - mental, emotional, körperlich und moralisch.

Die aktuellste und provokanteste der intimen Fragen, die der formal zurückhaltende Plot nur scheinbar unparteiisch aufwirft, konfrontiert das Publikum direkt zu Beginn. Amanda wird Zeugin, wie Martin eine apathische, geistig verwirrte Leslie vergewaltigt. Es ist nicht das erste Mal, offenbart beider Streit, während dessen Amanda die Polizei ruft. Warum sie dies nicht längst getan hat, etabliert ihr Gespräch mit den Beamten. Leslie ist emotional und im Alltag komplett abhängig von ihrem Gatten, der Sex als sein eheliches Recht betrachtet. Ein Ausgleich für seine Pflege, vermeintlich gerechtfertigt durch ihre sexuelle Beziehung vor Leslies geistiger Umnachtung. 

Er würde angezeigt „for having sex with my wife“ ruft Martin mit einer Empörung, der die Inszenierung ungeachtet ihrer scheinbaren Objektivität unterschwellig beipflichtet. Die Handlung, die den dreien und Amandas jugendlicher Tochter Sarah (Florence Hunt, Bridgerton) durch die angespannte Zeit bis zu einer tragischen Eskalation folgt, zeichnet ihn als zärtlich und aufopfernd. Selbst Amanda verteidigt ihn mit der Aussage, er handle nicht aus Begierde, sondern Verlustangst. In einem Pflegeheim kommt es schon nach Tagen zu einem weiteren sexuellen Übergriff seitens eines anderen Bewohners. Dann doch lieber ihr Gatte, impliziert die dramaturgische Dialektik. 

Verwaschene, diesige Farben katalysieren das bittere Fazit der alltäglichen Tragödie. Deren finaler Akt vermittelt eine andere Haltung als der Regisseur im Interview. Das einer unfreiwilligen absurden Komik nicht entbehrende Ende scheint direkte Folge Amandas Intervention. So eindringlich die destruktive Wirkung von Demenz auf familiäre Gefüge vermittelt wird, so problematisch sind die ethischen Implikationen. Partnerschaft erscheint als Legitimation sexueller Übergriffe, deren Beendigung fatale Konsequenzen hat. Die authentische Abbildung der untragbaren Zustände in Pflegeeinrichtungen und kühle Aura vermitteln einen empathischen Realismus, den die fragwürdige Position zu sexueller Zustimmung konterkariert. Handwerklich herausragend, doch inhaltlich bedrückend revisionistisch. 

Fazit

Die Orientierungslosigkeit, die im symbolreichen Titel anklingt, betrifft auf emotionaler und ethischer Ebene ebenso die Angehörigen wie die demente Schlüsselfigur Lance Hammers exemplarischen Familiendramas. Darin fungiert die junge Generation vorrangig als Verweis auf die gesellschaftlichen Veränderungen, denen vermeintlich die existenziellen ethischen Dilemma der alten Generation entspringen. Verantwortung, Vertrauen und Verlust werden verdrängt und verletzt, ohne dass die tiefgreifenden individuellen Auswirkungen anerkannt werden. Die schmerzliche Stimmung der dichten Einstellungen, deren diesiges Licht die moralische Unklarheit spiegelt, ermutigt Mitgefühl auch mit Tätern. Die filmische Brillanz liegt in der subtilen Manipulativität des sensiblen Szenarios, das Täter- und Opferrollen verkehrt.

Autor: Lida Bach
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