Roya, eine iranische Lehrerin, die wegen ihrer politischen Überzeugungen im Teheraner Evin-Gefängnis inhaftiert ist, muss eine Entscheidung treffen: im Fernsehen öffentlich ein erzwungenes Geständnis ablegen oder in ihrer Drei-Quadratmeter-Zelle eingesperrt bleiben. Während Vergangenheit und Gegenwart aus der zeitlichen Ordnung geraten und ineinander übergehen, bewegt sich Roya zwischen inneren Landschaften und gelebter Realität.
Kritik
Von den stilistischen Konventionen des klassischen Gefängnisdramas befreit sich Mahnaz Mohammadis (Son/Mother) subjektives Spielfilm-Debüt zu Gunsten einer psychologischen Studie über die mentalen Folgen internierter Isolation und die durch physische und mentale Deprivation verzerrten Grenzen zwischen Erinnerung und Realität. Der verengte Fokus des angespannten Persönlichkeitsporträts, das seine Weltpremiere im Panorama der 76. Berlinale hatte, konzentriert sich nahezu gänzlich auf den mentalen Zustand der eingekerkerten Titelheldin, deren Gedanken zwischen Vergangenheit, Fantasie und Gegenwart wandern. Ein Freigang zu einer Beerdigung wird zur ethischen Zerreißprobe.
Deren vorhersehbarere Ausgang untergräbt nicht als einziges die systemkritische Devise der kondensierten Story. Jene beginnt in der winzigen Zelle in Teherans berüchtigtem Evin Gefängnis, in der die Lehrerin und Fotografin Roya (Melisa Sözen) die vergangenen Monate verbracht hat. Ihr Engagement gegen patriarchalische Unterdrückung wird im fundamentalistischen politischen Klima als staatsfeindlich interpretiert. Der namenlose Vernehmer (Mohammad Ali Hosseinalipour) stellt ihr die Freilassung in Aussicht, wenn sie vor laufender Kamera ein Geständnis ablegt. Während des kurzen Freigangs schweift ihr desorientierter Geist zu ihrem dementen Vater und ihrer Vergangenheit.
Der achronologische Plot reduziert äußere Handlungen zugunsten eines verschärften Fokus auf imaginierte und erinnerte Bewegung. Die halluzinatorischen Aufnahmen Ashkan Ashkanis Kamera, die aus Royas verwirrter Perspektive die Welt um sie herum nur schemenhaft und fragmentiert wahrnimmt, verstärken die klaustrophobische Atmosphäre. Untrennbar durch Montage vermischt, sind die Hirngespinste und Rückblenden psychische Fluchten aus der Gefangenschaft, die zugleich die dramatische Monotonie aufbrechen. Diese inkonsequente Relativierung der scheinbaren formalen Radikalität spiegelt stilistisch die narrative Ambivalenz. Ideologische Integrität erscheint allzu einfach und Royas trotziges Lächeln wie ein zynisches Zugeständnis an Unterhaltungswert.
Fazit
Unscharfe Einstellungen, taumelnde Blickfelder und fahles Halogenlicht machen den Orientierungsschwund der bedrängten Hauptfigur visuell greifbar. Zeit verliert scheinbar ihre Bedeutung und ist dennoch quälend präsent in der beengten Zellen, in der Mahnaz Mohammadis erster Kinofilm beginnt. Melisa Sözens angespannte Darstellung ringt beständig mit der skizzenhaften Charakterisierung ihrer Figur, in der exemplarisches Vorbild und persönliche Erfahrungen der Regisseurin zusammentreffen. Dieser bilaterale Ansatz in Kombination mit der hyper-konstruierten Handlung schafft eine emotionale Distanz, die rare zwischenmenschliche Episoden und die politische Dringlichkeit nie ganz überwinden.