Inhalt
Kara Zor-El alias Supergirl ist entmutigt. Nach der Zerstörung ihrer Heimat wurde sie zur Erde geschickt, um ihren Baby-Cousin zu beschützen – doch dieser Cousin ist inzwischen Superman, das mächtigste Wesen des Planeten. Während er gefeiert wird, gilt sie nur als blasses Echo seiner selbst. Alles ändert sich, als ein außerirdisches Mädchen auftaucht, dessen Welt ebenfalls vernichtet wurde. Von Rache getrieben, will sie die Verantwortlichen aufspüren – koste es, was es wolle. Supergirl erkennt darin eine Chance, das Mädchen vor dem sicheren Untergang zu bewahren und zugleich ihren eigenen Zorn zu kanalisieren. Gemeinsam brechen die beiden zu einer gefährlichen Reise ins All auf, die sie tief erschüttern und ihr Verständnis von Schuld, Wut und Verantwortung neu formen wird.
Kritik
Supergirl tritt mit einer bemerkenswerten Selbstsicherheit auf, als wolle er gleich zu Beginn signalisieren, dass das neue DC-Universum bereits eine eigene Handschrift gefunden hat. Diese Selbstgewissheit ist in vielen Details spürbar – in der Weite des Worldbuildings, in der Lust am kosmischen Exzess, in der Vielzahl an Figuren und Schauplätzen. Doch je weiter der Film voranschreitet, desto deutlicher wird, wie fragil diese Ordnung tatsächlich ist. Aus einem scheinbar klar gesetzten Entwurf entsteht ein Werk, das zunehmend in unterschiedliche Richtungen auseinanderdriftet.
Ein Auftakt zwischen Neugier und Instabilität
Schon der Einstieg in diese Welt trägt eine doppelte Bewegung in sich. Supergirl öffnet sein Universum mit sichtbarer Neugier: fremde Kreaturen, belebte Raumstationen, kleine Alltagsmomente am Rand des galaktischen Geschehens. Gerade in diesen beiläufigen Beobachtungen entfaltet der Film seine stärksten Momente. Er vertraut dem Blick auf die Umgebung, statt alles sofort zu erklären, und gewinnt daraus eine überraschend dichte Atmosphäre.
Doch diese Offenheit wird früh von einer kühleren, funktionaleren Erzählweise unterbrochen. Szenen, die eigentlich emotional tragen sollten, bleiben distanziert, als würde der Film seine eigenen Impulse sofort wieder zurücknehmen. So entsteht bereits in der Exposition ein Spannungsfeld zwischen erzählerischer Neugier und kontrollierender Zurückhaltung.
Figurenaufbau ohne innere Gravitation
Im Zentrum steht Supergirl selbst, gespielt mit spürbarer Energie von Milly Alcock, jedoch nicht immer mit klarer innerer Ausrichtung. Die Figur wird als widersprüchliche Persönlichkeit angelegt – zwischen Trotz, Müdigkeit und punktueller Entschlossenheit. Diese Anlage hätte ein tragfähiges emotionales Zentrum bilden können, doch der Film wiederholt bestimmte Zustände so oft, dass sie an Wirkung verlieren. Aus Entwicklung wird Wiederholung, aus Dynamik ein Kreisen um sich selbst.
Auch die Nebenfiguren folgen dieser Unschärfe. Ruthie (Eve Ridley, bekannt aus 3 Body Problem) bleibt als emotionaler Anker zu schematisch, um wirklich zu greifen. Ihre Verbindung zur Hauptfigur wird eher behauptet als dramaturgisch aufgebaut, wodurch zentrale Momente selten jene emotionale Tiefe erreichen, die sie anstreben.
Lobo: Energie ohne Entfaltungsspielraum
Eine der auffälligsten Figuren ist Lobo, der theoretisch genau jene anarchische Energie in den Film bringen könnte, die ihm an mehreren Stellen fehlt. Jason Momoa verleiht ihm Präsenz, Körperlichkeit und eine gewisse rohe Unberechenbarkeit – jede seiner Bewegungen deutet eine andere, deutlich größere Figur an. Doch genau hier liegt das Problem: Das Drehbuch hält ihn konsequent an der Oberfläche.
Lobo wird weniger als Figur mit eigenem Gewicht behandelt, sondern als Idee von Chaos, die nie wirklich ausformuliert wird. Seine Szenen wirken fragmentarisch, fast wie Momentaufnahmen eines Charakters, der ständig kurz davorsteht, interessant zu werden, es aber nie ganz wird. Statt Reibung mit der Welt zu erzeugen, bleibt er isoliert in ihr stehen. So wird aus einer der potenziell prägnantesten Figuren des Films eine Präsenz, die zwar Aufmerksamkeit bindet, aber kaum narrative Konsequenz entfaltet.
Worldbuilding als Stärke und Umweg zugleich
Gerade im Mittelteil zeigt Supergirl seine größte visuelle Stärke. Der Film bewegt sich durch einen Kosmos, der reich an Details ist: lebendige Zwischenräume, fremdartige Örtlichkeiten, beiläufige Mikrogeschichten am Rand der Handlung. Diese Welt wirkt nicht konstruiert, sondern beobachtet – und genau darin liegt ihre Qualität. Im besten Sinne kommen Erinnerungen an den Krieg der Sterne und natürlich James Gunns Guardians of the Galaxy zurück.
Gleichzeitig fehlt dieser Fülle oft die dramaturgische Verdichtung. Viele dieser Eindrücke bleiben episodenhaft, statt sich organisch in die Erzählung einzuschreiben. Besonders die Rückblenden nach Krypton unterstreichen dieses Problem: Sie erweitern zwar den Hintergrund der Figur, wirken aber strukturell wie Unterbrechungen, die den Fluss der Geschichte eher hemmen als vertiefen.
Eskalation ohne klare Form
In der Schlussphase versucht der Film, seine verschiedenen Stränge zusammenzuführen und zuzuspitzen. Doch gerade hier zeigt sich die mangelnde innere Stabilität besonders deutlich. Die Actionsequenzen wirken häufig zerschnitten, weniger choreografiert als zusammengesetzt. Statt prägnanter Bildmomente entsteht eine Abfolge von Impulsen, die sich nicht zu einem klaren visuellen Höhepunkt verdichten.
Auch der Musikeinsatz verstärkt diesen Eindruck. Die wiederkehrenden Needle-Drops, die Leichtigkeit und Distanz erzeugen sollen, verlieren im Verlauf an Wirkung und werden zu einem schematischen Muster. Was zunächst als stilistische Entscheidung funktioniert, wirkt zunehmend wie eine reflexhafte Wiederholung ohne dramaturgische Zuspitzung. Regisseur Craig Gillespie versucht Gunns zu imitieren (musste es wahrscheinlich auch) und erreicht dabei nie eine echte Verve. Dabei bietet der Titel viele interessante Bausteine, aber er verbindet sie nur selten zu einem stabilen Gefüge.
Die Welt ist oft spannender als die Geschichte, die Figuren wirken in ihrer Anlage komplexer als in ihrer Entwicklung, und die Ideen überragen ihre tatsächliche Ausarbeitung. Der Film scheitert nicht an einem einzelnen Element, sondern an der fehlenden Balance zwischen ihnen. Eine Produktion, die immer wieder beeindruckt – und ebenso oft den Eindruck hinterlässt, dass er knapp an dem vorbeigeht, was er eigentlich erreichen will.
Fazit
„Supergirl“ fasziniert in Momenten des Worldbuildings, verliert sich jedoch in inkonsistenter Inszenierung, blassen Figuren und unklarer Tonalität. Trotz starker Einzelideen fehlt der erzählerische Zusammenhalt – ein visuell reizvolles, aber dramaturgisch zersplittertes DC-Kapitel, das sein eigenes Universum nicht trägt.
Autor: Sebastian Groß