Inhalt
John wird nach zwei Jahren aus dem Jugendgefängnis entlassen und kehrt zurück zu seinem Vater und seinem kleinen Bruder, auf einen Bauernhof in der schwedischen Provinz. Jeder in der Gemeinde weiß, warum er inhaftiert wurde und niemand ist bereit, ihm dafür zu vergeben. Oder ihn nur glauben zu lassen, dass es so sein könnte…
Kritik
Wann kann eine Schuld als abgeleistet gewertet werden – oder kann sie das jemals? Ab einer gewissen Gewichtung wahrscheinlich niemals, für keinen der Beteiligten. Entscheidend – und zwar für alle Parteien – bleibt schlussendlich aber der Umgang damit. Das ist schwer, niemals „fair“, ambivalent zu betrachten und somit immer letztlich unbefriedigend, aber eine ganz klare Lösung für alle scheint nüchtern betrachtet eine bloße Utopie, die so in der Realität schlicht nicht abbildbar ist.
John (exzellent: Ulrik Munther) wird aus einer Anstalt entlassen und von seinem Vater Martin (nicht minder hervorragend: Mats Blomgren) abgeholt. Wie wir kurze Zeit später erfahren, handelte es sich dabei um einen Jugendstrafvollzug. Warum John dort einsitzen musste, wird erst später enthüllt, denken kann sich das der aufmerksame Zusehende aber schon relativ schnell. Aber nun soll schnellstmöglich zur Normalität zurückgekehrt werden. Was unter den gegebenen Bedingungen komplett unmöglich ist. Wir befinden uns hier in einer schwedischen Kleinstadt, in der jeder jeden kennt und die Sünden der Vergangenheit – insbesondere dieser Tragweite – wohl niemals vergessen und erst recht nicht vergeben werden können. Das müsste jeder wissen und trotzdem versucht der alleinerziehende Landwirt Martin einen schier hoffnungslosen Neuanfang mit dem geächteten John, wohl auch dem jüngeren Bruder Filip zuliebe. Ein zwingend notwendiger Aufarbeitungsprozess findet aber nicht statt, nicht mal ansatzweise. Ganz im Gegenteil: mit einem stoischen Zwang zu einer „Normalitätsflucht“ wird versucht, den Elefanten im Raum weg zu ignorieren. Das mag am heimischen Küchentisch beim autoritären Anschweigen oder während der gemeinsamen Pflichten am Hof noch mehr schlecht als recht funktionieren, scheitert aber spätestens dann, wenn John wieder in die Gemeinde integriert werden muss. Und spätestens da offenbart sich, dass nicht nur der Vater, sondern wirklich jeder Beteiligte damit heillosüberfordert ist.
Die Reaktionen darauf fallen so unterschiedlich, wie nachvollziehbar, deshalb aber keinesfalls überwiegend moralisch vertretbar aus. Während sein Vater versucht, auf Krampf und ohne jede Konfrontation ein nicht mehr existentes Familienidyll aufrechtzuerhalten, scheitern die Pädagogen an der alten und neuen Schule mit ihrer sehr unentschlossenen und hilflos wirkenden Hü-Hott-Strategie. Da ist er nun. Ihr habt alle berechtigte Fragen. Aber wenn die (und damit zu erwartende Gegenwehr) aufkommen, wird das eben so wenig strategisch klug aufgenommen, sondern durch ebenfalls planloses Abblocken von sich gewiesen. Das ist nett und offenherzig gedacht, aber furchtbar inkonsequent umgesetzt, denn dieses Gestotter hilft niemanden; schadet nur noch mehr. Und dann wären da noch alle anderen. Zum Teil die direkt Betroffenen (von denen jede Reaktion total verständlich ist), die nur teilweise Involvierten (deren Handeln maximal fragwürdig ist, aber eben auch nicht abwegig) und dann diejenigen, die damit eigentlich überhaupt nichts zu tun haben, aber unter den gegebenen Umständen einfach zu dieser toxischen Massen dazugehören. Und mittendrin steht ein Protagonist, der zweifellos ein Täter ist, gleichzeitig aber nun zum Opfer wird, aber nicht – und das ist hier sehr wichtig – zum Märtyrer stilisiert wird.
Magnus von Horn (Das Mädchen mit der Nadel) erinnert mit seiner nüchternen, puristischen, darin aber sehr fokussierten und schmerzhaften Inszenierung stark an das Kino von Michael Haneke (Funny Games), das beobachtend, ziemlich klar, aber deshalb nicht zwingend wertend daherkommt. Hier werden nur sehr deutlich diverse Perspektiven und Emotionen dargelegt, die das Publikum absolut verstehen, deshalb aber nicht zwangsläufig gutheißen oder verurteilen muss. Geschickt wird daher auch John weder idealisiert oder dämonisiert; seine Tat nicht gleichgesetzt mit dem, was er nun erleiden muss. Das eine hat das andere zur Folge, deswegen wird aber weder dieses oder jenes relativiert. Es wird mehr eine Kettenreaktion nachvollziehbar – und zwar aus jeder Position – geschildert. Das hat nichts Moralisches, nichts Wertendes, sondern ist schlicht eine logische Schlussfolgerung. Das muss so nicht jedem zusagen, ist aber sehr konsequent und immens nachwirkend.
Fazit
Eben so viele Opfer wie Täter, zum Teil in Personalunion, finden sich in Magnus von Horns nicht moralisierender, dennoch sehr kritischen Kleinstadtstudie über Schuld, Sühne, Gruppendynamiken und die Überforderung im Umgang mit einer Tragödie, die alle Beteiligten völlig hilflos darstehen lässt. Noch mehr in dem Nachbeben (die wortwörtliche Übersetzung des Originaltitels) als an der Tat an sich.
Autor: Jacko Kunze