8.0

MB-Kritik

The Plague 2026

Drama, Thriller

8.0

Everett Blunck
Kayo Martin
Joel Edgerton
Kenny Rasmussen
Lucas Adler
Caden Burris
Elliott Heffernan
Lennox Espy
Kolton Lee
Geo Dobre
Eduard Chimac
Nicolas Rașovan
George Ion
Irina Stroe-Hănescu
Ecaterina Mitroiu
Philip Wang

Inhalt

Der zwölfjährige Ben ist neu im Wasserball-Sommercamp. Er möchte unbedingt dazugehören, doch der prahlerische und fiese Jake, der Anführer der etablierten Clique, macht es ihm schwer. Er manipuliert die anderen Jungs und hetzt gegen den tollpatschigen Einzelgänger Eli, der unter einem ausgeprägten, eitrigen Hautausschlag leidet. Er redet der Gruppe ein, Eli habe die „Pest“. Wer ihm zu nahe kommt, den wird es als Nächstes treffen. Auch Ben wird von Jakes unbarmherziger Bande oft gepiesackt und fürchtet sich immer mehr vor einer Ansteckung. Plötzlich lauert die Angst vor der vermeintlichen Seuche in jedem Pickel. Als die zwei Außenseiter dennoch zusammenrücken, beginnt Jakes Hetzkampagne, in eine immer brutalere Schikane auszuarten, die ihren blutigen Höhepunkt auf der Discoparty mit den Mädchen finden wird. 

"The Plague" wird im Rahmen des 40. Fantasy Filmfest gezeigt. Weitere Infos hier

Kritik

Charlie Polingers Spielfilmdebüt ist eine Abhandlung über Mobbing, die ihre Geschichte nicht von außen betrachtet, sondern konsequent aus der Perspektive eines Kindes erzählt. Wie bereits sein Kurzfilm Sauna von 2018 beruht auch The Plague auf eigenen Erfahrungen des Regisseurs. Polinger weiß also, wovon er erzählt. Genau daraus bezieht das Drama seine besondere Intensität und Feinfühligkeit

Aus der Opfersicht: Eine Welt (fast) ohne Erwachsene

Polinger macht dabei etwas sehr Kluges: Seine Welt besitzt kaum einen Erwachsenenblick. Flure, Umkleidekabinen, Schlafzimmer und die anderen Schauplätze werden fast vollständig durch Bens Wahrnehmung gefiltert. Erwachsene existieren zwar, bleiben aber an den Rand gedrängt. Ein Trainer versucht gelegentlich, gegen die Schikanen einzuschreiten, kommt damit jedoch kaum voran. Er kann die Rolle des Außenstehenden nicht wirklich verlassen und erreicht deshalb nicht den Kern dessen, was zwischen den Jungen passiert. Für Ben und seine Mitschüler ist diese Welt damit beinahe vollständig sich selbst überlassen.

Das verleiht The Plague eine beklemmende Geschlossenheit. Was für Erwachsene vielleicht wie ein überschaubarer Konflikt unter Kindern aussehen könnte, wird für Ben zur gesamten Realität. Besonders wirkungsvoll ist dabei die Geschichte um Eli, einen Außenseiter mit einem ausgeprägten, eitrigen Hautausschlag. Jake erklärt kurzerhand, Eli habe die „Pest“, und aus einer Behauptung wird innerhalb kürzester Zeit eine soziale Wahrheit. Plötzlich scheint jede Berührung gefährlich, jeder Pickel verdächtig und jedes Gerücht beweiskräftig. Polinger zeigt damit sehr präzise, wie leicht Angst zur Waffe werden kann.

Dass das so überzeugend funktioniert, liegt maßgeblich an den jungen Darstellern. verleiht Eli eine Verletzlichkeit, die niemals aufgesetzt wirkt, während als Ben die zunehmende innere Verunsicherung eindringlich vermittelt. Wenn Eli sich freitanzt oder Ben mit Hass und Tränen in den Augen seinen Peiniger beim Frühstück beobachtet, sind das keine bloßen Schauspieldemonstrationen. Die Momente erzählen etwas über Figuren, die noch gar nicht über die emotionalen Werkzeuge verfügen, um ihre Situation richtig einzuordnen. wiederum spielt Jake nicht als eindimensionales Monster, sondern als Jungen, der seine Macht genießt und zugleich ständig dafür sorgen muss, sie zu behaupten. Denn eines ist klar: Genau wie Ben, kann man sehr schnell die Position wechseln.

Wenn Mobbing zur eigenen Wahrheit wird

Gerade deshalb ist The Plague mehr als eine Aneinanderreihung von Ungerechtigkeiten. Der Film interessiert sich für die Mechanik hinter dem Mobbing. Er zeigt verständlich, wie sich eine Gruppe formiert, wie Angst Zugehörigkeit ersetzt und wie aus einzelnen Bemerkungen ein System entstehen kann. Besonders unangenehm wird dabei, dass Ben nicht ausschließlich Opfer ist. Er möchte dazugehören und muss deshalb ständig entscheiden, wie weit er bereit ist, sich anzupassen. Polinger vermeidet damit einfache Rollenverteilungen und macht nachvollziehbar, warum solche Dynamiken für Außenstehende oft schwerer zu durchbrechen sind, als es auf den ersten Blick scheint.

Noch stärker wird der Film dort, wo die Grenze zwischen äußerer Schikane und innerer Wahrnehmung zunehmend verschwimmt. Jake muss Eli irgendwann gar nicht mehr selbst abwerten. Die Vorstellung von dessen vermeintlicher Gefährlichkeit hat sich bereits festgesetzt. Die Lüge funktioniert, weil sie von den Betroffenen irgendwann selbst mitgedacht wird. So zieht sich die Schlinge nicht mit einem großen Knall zu, sondern beinahe unmerklich – bis kaum noch klar ist, wo die Behauptungen der Mobber aufhören und die eigene Angst beginnt.

Mit , der den Film auch mitproduziert hat, besitzt The Plague zudem einen erfahrenen Namen hinter den Kulissen, doch im Zentrum stehen eindeutig Polingers Regie und seine jungen Schauspieler. Das Ergebnis ist ein bemerkenswert konzentriertes Coming-of-Age-Drama, das seine Themen weder ausbuchstabiert noch mit pädagogischen Lösungen zukleistert.

Je näher das Ende rückt, desto emotional klaustrophobischer wird The Plague. Die Brutalität der (eher intimen) Eskalation erschüttert gerade deshalb, weil sie aus einer zuvor so glaubwürdig etablierten Gruppendynamik hervorgeht. Und doch endet Polingers Film nicht in völliger Hoffnungslosigkeit. Zwischen Angst, Schuld und Verletzung bleibt ein kleiner Raum für Veränderung. The Plague ist damit ein bedrückender, sehr präziser Film über die zerstörerische Macht von Gerüchten, Gruppenzwang und Angst – und darüber, wie schwer es sein kann, einer einmal geschaffenen Wahrheit wieder zu entkommen.

Fazit

"The Plague" macht Mobbing nicht zum Lehrstück, sondern zum beklemmenden Psychodrama. Starke Jungdarsteller, ein klarer Blick für Gruppendynamiken und eine zunehmend klaustrophobische Atmosphäre machen Charlie Polingers Spielfilmdebüt zu einem bemerkenswerten Stück Kino.

Autor: Sebastian Groß
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