Inhalt
Venedig, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Der gefeierte US-Armeeoffizier Colonel Richard Cantwell (Liev Schreiber) reist in die Lagunenstadt, um sich ein letztes Mal den Erinnerungen seines bewegten Lebens zu stellen. Als er der jungen Contessa Renata (Matilda De Angelis) begegnet, beginnt eine unerwartete Verbindung zwischen zwei Menschen aus völlig unterschiedlichen Welten. Während Cantwell von den Schatten seiner Vergangenheit und einer düsteren Diagnose eingeholt wird, schenkt ihm die Begegnung mit Renata einen letzten Blick auf Hoffnung, Liebe und die Schönheit des Augenblicks.
Kritik
Venedig ist wahrlich eine Stadt, in der Schönheit und Verfall erstaunlich friedlich nebeneinander existieren. Ein denkbar passender Ort also für einen Mann, der dem Leben eigentlich schon den Rücken gekehrt hat. In Paula Ortiz’ Hemingway-Adaption Über den Fluss und in die Wälder wird die Lagunenstadt deshalb weit mehr als eine malerische Kulisse. Sie spiegelt einen Menschen, der weiß, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt – und trotzdem noch einmal mit dem Leben konfrontiert wird.
Liev Schreiber spielt Colonel Richard Cantwell mit einer wunderbaren Schwere. Wortkarg, stur und geprägt von jener Härte, die weniger Stärke als Schutzschild gegen die eigene Verletzlichkeit ist. Schreiber widersteht dabei der Versuchung, aus Cantwell einen großen tragischen Helden zu machen. Hinter dessen militärischer Haltung bleibt stets ein erschöpfter Mann sichtbar, der mehr Vergangenheit als Zukunft besitzt. Die Begegnung mit der jungen Renata Contarini bringt Bewegung in diese Erstarrung. Matilda De Angelis verkörpert die verarmte Adelige als lebenshungrigen Gegenentwurf zu Cantwell. Gemeinsam ziehen sie durch Venedig, reden, tanzen und nähern sich einander an. Doch eine klassische Romanze interessiert Ortiz dabei kaum. Vielmehr treffen hier zwei Generationen und zwei vollkommen unterschiedliche Lebensabschnitte aufeinander.
Überhaupt lebt Über den Fluss und in die Wälder stärker von Gesprächen und Stimmungen als von großen dramatischen Wendungen. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, seine Wunden sind jedoch noch überall zu spüren. Cantwell hängt zwischen dem alten Europa und einer neuen Zeit, die längst ohne ihn weiterzugehen scheint. Entscheidend für diese melancholische Wirkung sind die Bilder von Kameramann Javier Aguirresarobe. Venedig wird prachtvoll eingefangen, ohne zum bloßen Postkartenmotiv zu verkommen. Kanäle, Paläste und nächtliche Gassen tragen stets etwas Vergängliches in sich und werden so zum passenden Begleiter von Cantwells letzter Reise.
Ortiz und Drehbuchautor Peter Flannery haben Hemingways Roman hierbei deutlich gestrafft und konzentrieren sich stärker auf Cantwell und seine Begegnungen. Nicht jede dramaturgische Verkürzung funktioniert gleichermaßen gut, manches erscheint etwas unvermittelt. Dafür bewahrt sich der Film eine Ruhe, die seinem Protagonisten angemessen ist. Gelegentlich bewegt sich das Drama mit seinen Tänzen, Lebensweisheiten und seiner Symbolik gefährlich nahe am Pathos. Dass es nur selten ins Sentimentale kippt, ist vor allem Schreiber zu verdanken. Sein zurückgenommenes Spiel verleiht selbst den bedeutungsschwereren Momenten eine Müdigkeit, die weniger nach großer Lebensweisheit als nach tatsächlich gelebter Erfahrung klingt.
Fazit
"Über den Fluss und in die Wälder" ist eine ruhige, melancholische Hemingway-Adaption über Vergänglichkeit, Krieg und eine unerwartete Begegnung am Ende eines Lebens. Paula Ortiz macht Venedig zum atmosphärischen Herz ihrer Geschichte, während Liev Schreiber mit seinem konzentrierten Spiel die große Symbolik erdet. Nicht alles sitzt perfekt, doch als elegisches Porträt eines vom Leben und Krieg gezeichneten Mannes entwickelt der Film eine bemerkenswerte stille Wirkung.