7.5

MB-Kritik

We Are All Strangers 2026

Drama, Family

7.5

Yeo Yann Yann
Koh Jia Ler
Andi Lim
Regene Lim

Inhalt

In der Wirtschaftsmetrople Singapur genießt der 21-jährige Junyang unbeschwert seine Jugend, während sein Vater Mühe hat, ihren bescheidenen Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Ein einschneidendes Ereignis zwingt Junyang und seine Freundin, sich viel früher als gedacht den Herausforderungen des Erwachsenseins zu stellen. Zur gleichen Zeit tritt eine temperamentvolle Frau in das Leben seines Vaters und erobert dessen Herz. Still und leise verändert sich das empfindliche Gleichgewicht zwischen Vater und Sohn. Mit Liebe, Verlust und Verantwortung konfrontiert müssen beide Generationen neu definieren, was Familie bedeutet – und lernen, mit der Unvollkommenheit der Beziehungen zwischen Herkunftsfamilie und neu gegründeter Familie zu leben.

Kritik

“Auf den Meeresblick spezialisieren wir uns jetzt“, meint der Makler eines erfolgreichen Luxus-Apartment-Komplexes, welches als eines der vielen unerreichbaren High-Rise Gebäuden die hyper-urbane Skyline von Singapur formt. Der Meeresblick solle schließlich von der direkt am Gebäude anliegenden Autobahn ablenken. Es ist ein Bild, welches die Frage im zärtlichen Kern von Anthony Chens (Drift) meisterhaftem Epos We Are All Strangers perfekt zusammenfasst: Wie können dekadente Idylle und ein rein funktionales Leben ausgerichtet auf pure Beschleunigung in derselben Welt existieren? Im weiteren Kontext dieses anrührenden Rittes durch eine Gesellschaft aus Konsumwaren wird daraus die Frage: Wie wirkt sich die unüberbrückbare Schere zwischen Arm und Reich in einem einzigen Mikrokosmos aus? Jenen Mikrokosmos bildet in Chens Abschluss seiner „Growing Up“-Trilogie (angeführt von Ilo Ilo und Wet Season) die Familie, in deren Kern der unbeholfene, naive und mit 22 Jahren immer noch zu früh in die Welt der Erwachsenen geworfene Armeekadett Junyang (Koh Jia Ler), steht. Der Wandel dieser Familie über die Jahre zeichnet weniger die Veränderung der Gesellschaft in Singapur ab, die viel mehr geprägt von einer maschinellen Stasis erscheint, als einen Prozess permanenter Adaption an eine Welt, in der man sich immer wieder aufs Neue verkaufen muss. 

Junyang muss unter familiärem Druck seine Freundin, die Klavierspielerin und aus absurd reichem Elternhaus kommende, Lydia (Regene Lim) heiraten, da diese ein Kind von ihm erwartet. Junyangs verwitweter Vater Boon Kiat (Andi Lim) ist jedoch ein einfacher Koch an einer Imbissbude und kann die, sich in der Entstehung befindende, Großfamilie nur mit höchsten Mühen über Wasser halten. Bereits bei der Planung der Hochzeit wird die gesellschaftlich nichtexistierende Solidarität zwischen Wohlstand und Arbeiterklasse deutlich: Während Lydias tyrannische Mutter bereit ist, die kirchliche Zeremonie zu übernehmen soll sich Boon Kiat um die anschließende Feier kümmern und tut dies wahrscheinlich aus dem Impuls, seinen Sohn glücklich sehen zu wollen, obwohl er Junyang versichert, dass er es eigentlich im Leben viel zu einfach hatte. Jene Hochzeit wird inszeniert als ein höllisches Kitschfeuerwerk aus enthemmter Pop-Musik und ausschweifenden Tanzeinlagen. Dekadenz und doch eine naive Warmherzigkeit strömt aus diesem Moment. Chens spektakuläres Drehbuch, welches solche Gegensätze gekonnt zu jonglieren und miteinander zu vereinen weiß, verfolgt schließlich ausgehend von der Geburt des Sohnes Ethan (denn ein englischer Name verkauft sich nun mal besser) den Einzug und das Leben in Boon Kiats Apartment, in welchem sich, trotz aller Probleme und Schwierigkeiten, eine stabile Einheit zusammenfindet.

Zusammengehalten wird die Familie von Boon Kiats neuer Ehefrau und ehemaliger Mitarbeiterin Bee Hwa (Yeo Yann Yann, Havoc), welche im Verlauf des Filmes einen Wandel von Kellnerin zu Familienoberhaupt bis schließlich zur TikTok-Influencerin durchmacht. Das Singapur von We Are All Strangers wirkt in dem Gespür für kontemporäre Strömungen und den alltäglichen Kampf ums wirtschaftliche Überleben fast hyperreal. Den Makrokosmos dieses, tief in der Seele dieser Metropole verwurzelten, Werkes bilden unter anderem eine permanente Bilingualität, Amazon-Lieferboxen, Steve Jobs als großes Vorbild und späteren Namensgeber Junyangs und gefälschte Zentica-Medikamente. Dabei fängt die Kamera diese Umgebung in all ihrer entwaffnenden Megalomanie überlebensgroß ein, während das zentrale Drama stets auf Augenhöhe operiert und seine Figuren weder dem Elend preisgibt, noch ihnen irgendetwas erspart. Am Beispiel von Bee Hwas Etablierung als Online-Star wird durch die vertikale Linse des Livestreams schließlich eine große Fusion deutlich: Die Symbiose aus privater Lebensgeschichte und schlagfertiger Verkaufsstrategie. Die profunde Fremdheit untereinander, welche der Titel von Chens Film evoziert, spricht eine der erschütterndsten Realitäten des Spätkapitalismus aus. Gleichzeitig manifestiert sich die fundamentale Vergewisserung, dass der Drang, diese Fremdheit zu überwinden, niemals enden wird.

Fazit

Filme von dem Kaliber von „We Are All Strangers“ gibt es nur selten. Voller inszenatorischer Überwältigung und inhaltlichem Feingefühl gelingt Anthony Chen ein Meisterwerk in Form einer präzisen, erschütternden und dennoch warmherzigen Sezierung des spätkapitalistischen Lebens in permanenter Abhängigkeit von dem Supply & Demand-Prinzip. 

Autor: Jakob Jurisch
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