Inhalt
Kati ist gehörlos, Florian ist blind. Er ist Stadionkommentator beim FC St. Pauli, sie entdeckt die Welt durch ihre Kamera. Als sie sich im Dialoghaus Hamburg begegnen, entsteht eine eigene Sprache – jenseits von Worten und Gesten, getragen von Nähe und Mut. Doch ihre unterschiedlichen Lebenswelten und die Erwartungen von Familie und Umfeld stellen die Beziehung immer wieder auf die Probe.
Kritik
Überwindet Liebe wirklich alles? Sind Gefühle eine universelle Sprache? Wie kann man die Erlebenswelt eines anderen Menschen verstehen, wenn sie einem physisch verschlossen ist? Um diese ragen kreist Milan Skrobaneks ambitioniertes Spielfilm-Debüt, das einen klassischen Romanzen-Stoff aus zwei ungewohnten Perspektiven behandelt. Zwei junge Menschen mit grundverschiedenen Lebenseinstellungen und -lagen verlieben sich, trotz der Skepsis ihres Umfelds. Das genügt schon, um die Kommunikation mitunter schwierig zu achten. Doch für Kati (Cindy Klink, Hameln) und Florian (David Knors) kommt eine weitere Hürde hinzu: Sie ist gehörlos, er ist blind.
Dank spezieller Apps, die Katis Textnachrichten in Lautsprache übersetzen, und Braille-Tastatur, läuft der Austausch einfacher als erwartet. Zu einer größeren Herausforderung werden beider verschiedene Wahrnehmung ihres Handicaps und die psychischen Spuren ihrer jeweiligen angespannten Familiensituation. Selbige macht sich bei beiden spürbar, als ein Besuch bei Katis Eltern durch Vorwürfe und Ablehnung ihrer Mutter (Marion Kracht, Der Usedom-Krimi: Entführt) zum Desaster wird, und Florians entfremdeter Bruder plötzlich mit der Nachricht vom Tod ihres Vaters vor der Tür steht. Solche konstruierten Wendungen sind paradigmatisch für die strukturellen Schwächen der Handlung.
Deren beste Momente vertrauen ganz auf die organische Chemie des Protagonisten-Paares, das mit seinen entgegengesetzten Einstellungen zur eigenen Kondition ringt. Während Kati ihre Gehörlosigkeit als natürlichen Zustand, der keiner „Reparatur“ bedarf, empfindet, sehnt sich Florian nach der größeren Unabhängigkeit und gefühlten Normalität, die sie durch den Verzicht auf ein Cochlear-Implantat ablehnt. Zwar ist dieser Konflikt spannend, bleibt durch die lückenhafte Charakterisierung jedoch zu oberflächlich. So wird die tiefgehende Ablehnung Katis Mutter kaum ergründet und bagatellisiert und Florians Bruch mit seiner Familie bleibt letztlich unaufgearbeitet.
Probleme eskalieren abrupt und werden ebenso willkürlich beigelegt. Die den Hauptcharakteren gegenüber intoleranten Verwandten abgeforderte Nachsicht konterkariert die Kernbotschaft von Empathie und Akzeptanz. Ähnlich ambivalent ist der dramaturgische Umgang mit den zusätzlichen finanziellen Belastungen von Handicaps sowie der repressiven Strukturen des Sozialamts. Letzte betont die Einbindung realer Integrationsprojekte wie des Dialoghauses Hamburg. Dieser Idealort relativiert indes auch die zaghafte Kritik an einer Gesellschaft, die Accessibility theoretisch bejaht, doch selten praktisch umsetzt. Mit diesem Zwiespalt zwischen Wunschbild und Wirklichkeit kämpft auch die idealistische Story.
Fazit
Der selbst heutzutage keineswegs selbstverständliche Einsatz passender Darstellender verleiht Milan Skrobaneks sympathischen Kino-Debüts eine natürliche Authentizität. Diese zwischenmenschliche Dynamik überwindet auch schauspielerische Unsicherheiten, nicht so leicht allerdings dramaturgischen Unebenheiten wie die willkürliche Einteilung in Jahreszeiten-Kapitel. Die formale Konventionalität lockern subjektive Soundeffekte und Text-Einblenden, welche die Wahrnehmungswelt der Charaktere eröffnet. Solche Glaubhaftigkeit findet sich nur bedingt in dem zwischen edukativen Elementen, Realismus-Anspruch und romantischen Kino-Klischees pendelnden Plot. Der funktioniert am besten als Beitrag zur Diversität im RomCom-Kino, dessen Tendenz zu genormten Figuren-Typen hier gezielt durchbrochen wird.
Autor: Lida Bach