Für mich fast „Deadpool“ - typischer Ryan-Reynolds-Humor. Falls man das überhaupt noch charakterisieren muss. Dieser leicht gelangweilte Blick, der trockene Spruch genau dann, wenn eigentlich alle anderen gerade um ihr Leben rennen, und dieses ewige „Coolste im Raum“-Grinsen. Man weiß mittlerweile genau, was man bekommt. Und trotzdem muss ich zugeben: In „Mayday“ funktioniert es erstaunlich gut. Dieser Film nimmt sich nicht besonders ernst, was auch gut ist. Was vor allem daran liegt, dass ihm Kenneth Branagh gegenübergestellt wird. Und plötzlich bekommt Reynolds einen Gegenspieler, der tatsächlich noch Spaß daran hat, Schauspieler zu sein.
Zum Plot: Wir schreiben 1987. Der Kalte Krieg liegt in den letzten Zügen und Navy-Pilot Troy „Assassin“ Kelly (Ryan Reynolds) wird bei einer geheimen Mission über sowjetischem Gebiet abgeschossen. Er landet irgendwo im russischen Nirgendwo und damit direkt im Vorgarten von Nikolai Ustinov (Kenneth Branagh), einem ehemaligen KGB-Agenten. Eigentlich müsste jetzt der klassische Kalte-Kriegs-Film beginnen: Amerikaner gegen Russen, Misstrauen, Verfolgung, Schießereien. „Mayday“ biegt ziemlich schnell ab. Denn Ustinov ist kein fanatischer Kommunist, sondern ein russischer Amerika-Fan, der „Top Gun“, Bruce Springsteen und den amerikanischen Traum geradezu verehrt. Aus Feinden werden widerwillige Verbündete, aus dem Agentenfilm eine Buddy-Komödie und aus der Flucht durch die Sowjetunion irgendwann fast eine Roadmovie-Komödie. Und hier liegt für mich die eigentliche Qualität des Films: Branagh.
Der Mann hat sichtlich Spaß. Er spielt Nikolai nicht als russische Witzfigur, sondern als Menschen, der sich in ein Amerika verliebt hat, dass er nur aus Filmen, Musik und Erzählungen kennt. Branagh gibt dieser eigentlich ziemlich absurden Figur eine überraschende Wärme. Er darf kämpfen, fluchen, Grimassen schneiden und gleichzeitig einen Mann spielen, der langsam begreift, dass sein amerikanischer Traum genauso aus Hollywood-Bildern besteht wie die russischen Feindbilder seines Gegenübers.
Ryan Reynolds dagegen spielt... nun ja, Ryan Reynolds.
Doch genau aus diesem Gegensatz entsteht die Chemie die mir besonders gefällt. Reynolds ist der abgeklärte Zyniker, Branagh der Enthusiast. Der eine will nach Hause, der andere will endlich dorthin, wo der andere herkommt. Das ist dramaturgisch simpel, funktioniert aber erstaunlich gut.
Schade nur, dass der Film seine interessanteren Figurenideen nicht immer konsequent verfolgt. David Morse und Maria Bakalova bekommen Nebenhandlungen, die durchaus emotionales Gewicht entwickeln könnten, aber dann vom eigentlichen Buddy-Abenteuer wieder zugeschüttet werden.
Überhaupt hat „Mayday“ ein kleines dramaturgisches Problem: Er ist als Actionfilm angekündigt, will aber eigentlich eine Komödie über Freundschaft, Vorurteile und nationale Identität sein. Und manchmal merkt man dem Film an, dass er selbst nicht so genau weiß, welchem Genre er gerade bedienen soll.
Action kommt für meinen Geschmack zu kurz. Nach dem starken Einstieg gibt es immer wieder Passagen, in denen der Film behäbig wird. Einige Dialogszenen sind komisch, andere fühlen sich an, nun ja Dabei hätte „Mayday“ visuell durchaus das Zeug zum großen Kinofilm. Barry Peterson fotografiert das Ganze ausgesprochen dynamisch. Die verschneiten sowjetischen Landschaften, die kalten Innenräume, die Maschinen, Flugzeuge und Sets besitzen einen schönen, leicht überzeichneten 80er-Jahre-Look. Vor allem die Flugsequenzen haben richtig Wucht. Die Kamera bleibt ständig in Bewegung, und gerade die Luftaufnahmen besitzen diese alte Kinomagie, die man bei vielen Streaming Produktionen inzwischen schmerzlich vermisst.
Am Ende bleibt für mich eine gut gelungene nostalgische Hommage an die Agenten- und Buddy-Filme der 80er, die ihre Vorbilder lieb. „Top Gun“ ist überall, die Musik, die Ästhetik, der Kalte Krieg, der amerikanische Traum. Die Ironie dabei ist durchaus charmant: Ein amerikanischer Pilot trifft auf einen Russen, der Amerika romantischer findet als der Amerikaner selbst.
Kenneth Branagh ist für mich klar der heimliche Star und macht aus einer ziemlich konventionellen Geschichte etwas Eigenes. Reynolds liefert seinen bekannten Reynolds, Branagh liefert Schauspiel.
Meiner Meinung nach ist „Mayday“ ein sympathischer, gelegentlich ab und an komischer Streaming Film mit einem viel besseren Kenneth Branagh, als ich eigentlich erwartet hatte. Die Geschichte bleibt überschaubar, die Action könnte mehr sein und Ryan Reynolds sollte vielleicht langsam darüber nachdenken, seinen inneren Ryan Reynolds einmal in den Urlaub zu schicken. Aber wenn Branagh dann mit seinem russischen Akzent und völlig todernster Miene um die Ecke kommt, ist der Film plötzlich wieder da. Hat mir gut gefallen.
Kritik von WilliamWhyler
Gesehen: September, 2026
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