Inhalt
Ein alternder französischer Schwulenpornostar erzählt eine Lebensgeschichte, die eines Romans würdig wäre. Ein wunderschöner und existenzieller Film, der zugleich die vergessene Geschichte der Schwulenrechtsbewegung mit erotischer Kraft und Stil erzählt.
Kritik
In einem vergessenen Kapitel der LGBTQ+ Geschichte, deren filmischen Festhalten sich Sébastien Lifshitz (Little Girl) wiederholt in seinem Werk widmet, rekonstruiert der französische Dokumentarfilmer die Lebensgeschichte seines paradoxen Protagonisten Claude Loir. Als schwuler Mann und Porno-Darsteller in einer kurzlebigen Ära brüchiger Toleranz scheint er zugleich deren Satellit und Symbol. Konvention und Rebellion, Selbstbefreiung und Selbstverstellung manifestieren sich als die paradigmatischen Pole einer schillernden Biographie. Deren filmische Verewigung ist nicht nur Tribut an eine robuste Persönlichkeit, sondern eine tabuisierte Subkultur und ihre marginalisierte Geschichte.
Die Eröffnungsszene, in der ein junges Hochzeitspaar die eigene Fremdheit anspricht und sich vor den Gästen wie für einen Zweikampf entkleidet, impliziert ironisch die komplexen Themen: Performative Persönlichkeit, die Dekonstruktion heteronormativer Institutionen sowie Körperlichkeit und satirische Sexualität in einem scheinbar keuschen Kontext. Unter diesen vielschichtigen Vorzeichen beginnt die Geschichte Claude Loirs, erzählt in seinen eigenen Worten und illustriert von Fotos aus seiner Kindheit. Jene verbrachte er in der malerischen Landschaft der französischen Pyrenäen, behütet, aber auch emotional einsam.
„Meine Kindheit war ein Märchen“, sagt der Protagonist mit melancholischem Blick auf den Ort seiner Jugend, an den er nun im Alter zurückgekehrt ist, und verweist damit subtil auf die fiktiven Elemente seines Lebensromans. In dessen intimen Anekdoten verflechten sich privates Erleben und Zeitgeschichte unauflöslich zum erotischen Emblem sittlichen Umbruchs. Mit lakonischem Humor und koketter Offenheit erinnert er sich an seine Flucht aus der konservativen Provinz, Begegnungen mit der Pariser Schwulen-Szene und schließlich an seinen Aufstieg zum Star eines kurzfristig gesellschaftsfähigen Genres.
Fazit
In einer Ära, als Sexfilme in ihrer öffentlichen Wahrnehmung zwischen Skandal und Salonkultur changierten, versteht Sébastien Lifshitz seinen Titelcharakter gleichermaßen als Zeitzeugen und charismatischen Chronisten der 1970er als eines Zeitabschnitts politisierter Pornographie. Archivbilder der Pariser Clubs, Ausschnitte aus alten Porno-Produktionen und weite Landschaftspanoramen verknüpfen Vergangenheit und Gegenwart. In der bittersüßen Mischung aus Interview-Porträt und essayistischer Collage treffen hedonistische Hybris auf kontemplativen Ruhe. Hommage und historische Spurensuche erzählen mit der Biographie einer popkulturellen Persona auch die Geschichte einer Bewegung, deren Spuren oft ausgeblendet werden.
Autor: Lida Bach