Inhalt
Die verwitwete Dorfbriefträgerin Zdena versucht, den letzten Wunsch ihrer kranken Mutter zu erfüllen. Eine Reihe unerwarteter Ereignisse bringt sie ihrem Sohn Lukáš näher und weckt in ihr die Sehnsucht nach einem anderen Leben.
Kritik
Die Schlagermusik, mit der die Sängerin und Schlüsselfigur Šimon Holý vorgestriger Familienkomödie in ihrer tschechischen Heimat in den 60er und 70ern berühmt wurde, steht mit ihrer bewährten Kombination aus Sentimentalität, Spießigkeit und Schablonenhaftigkeit exemplarisch für deren dramaturgische Devise. Selbige ist biedere Belustigung verbunden mit erzkonservativen Konflikten und einem Appell für ein Minimum an Toleranz, das zuletzt diese Bezeichnung verdiente, als Helena Vondráčková musikalische Erfolge feierte. „Wer ist Helena?“, fragt auch der erwachsene Sohn der älteren Dorfbriefträgerin Zdena ( Pavla Tomicová, Die Eigentümer).
Helena Vondráčková. Die außerhalb ihrer tschechischen Heimat praktisch unbekannte Schlager-Sängerin war in Tschechien populär, als Zdenas betagte Mutter noch im sozialistischen Kollektiv arbeitete. Auf ihre letzten Tage im Altersheim möchte sie unbedingt ein Ständchen ihres Idols aus jüngeren Jahren hören. Um seiner Großmutter den Wunsch zu erfüllen, will Lukáš (Jan Cina, Nationalstraße) selbst Vondráčková darstellen - als Drag Queen. Obwohl ihr Sohn von stilistischen Signalen bis zu stereotypen Manierismen alle Signale sendet, fällt die provinzielle Protagonistin über seine sexuelle Orientierung aus allen Wolken.
Dass die verwitwete Zdena sich schließlich mit dem Leben ihres Sohnes und dessen Partner anfreundet, ist ebenso vorhersehbar wie ihre eigene zaghafte Emanzipation. Denn auch eine Witwe muss nach jahrelanger Trauerzeit dem Verblichenen nicht mehr die Treue halten. Wenn es auf den tschechischen Dörfern tatsächlich so verklemmt und verstaubt zugeht, wie es Holýs seichte Seifenoper in Fernsehoptik nahelegt, müsste die Handlung dies auch politisch und soziologisch ergründen. Doch davon ist die piefigen Posse noch weiter entfernt als von glaubhaften Konflikten.
Fazit
In seinem nach "Mirrors in the Dark" und "And Then There Was Love... " drittem Spielfilm in Karlovy Vary, diesmal im Wettbewerb, behandelt Šimon Holýs prüde Probleme wie aus der Glanzzeit der referierten Helena Vondráčková und das denkbar konstruiert. Eben kommen der hinterwäldlerischen Hauptfigur noch die Tränen beim Coming out ihres längst erwachsenen Kindes, im nächsten Moment applaudiert sie ihm begeistert in der Drag Bar. Auch Pavla Tomicovás solides Schauspiel kann diesem abrupten Sinneswandel keine Glaubwürdigkeit geben. In jedem Sinne vorgestriges Vorabend-Fernsehprogramm.
Autor: Lida Bach