Inhalt
Die 15 Jahre alte Nafisa (Mihad Murtada) lebt in einem kleinen sudanesischen Dorf, das fast vollständig vom Baumwollanbau abhängig ist und diese Tradition seit Generationen pflegt. Doch dann taucht ein Typ auf, der das große Geschäft mit dem Dorf wittert. Mit genmanipulierter Saat im Gepäck verspricht er den Dorfbewohner*innen den großen Reibach. Doch das würde gleichzeitig ein Bruch mit der Tradition bedeuten. Nafisa findet sich also plötzlich inmitten eines Kampfes um den Fortbestand der Dorfgemeinschaft und deren Werte wieder. Sie muss sich fragen, ob sie tatenlos geschehen lässt oder ihr Schicksal in die Hand nehmen will.
Kritik
Globalisierte Gegenwart und kolonialistische Vergangenheit formen das sozialökonomische Spannungsfeld Suzannah Mirghanis vielschichtigen Debüt-Dramas ebenso wie die gesellschaftlichen Gegenpole matriarchalischer Familienstrukturen und patriarchalischer Prinzipien. Passend zu dieser polarisierten Plot-Struktur ist die titelgebende Pflanze mit ihren weißen Blüten zugleich Symbol einer ursprünglichen Unversehrtheit und eines repressiven Reinheitsideals. In träumerischer Tonalität entspinnt die sudanesisch-russische Regisseurin eine emblematische Erzählung von einem mehrfachen Widerstreit zwischen Aufopferung und Autarkie. Schwelgerische Szenenbilder und imperialismuskritische Impulse verweben sich zu einer zeitpolitisch aufgeladenen Reflexion über das Durchbrechen geschichtlich gewachsener Machtstrukturen.
Die 15-jährige Nafsia (Mihad Murtada) steht inmitten des feinfühligen narrativen Geflechts, in dem die Abhängigkeiten und strukturellen Zwänge der Kolonialzeit in modernem Gewand wieder aufzuleben drohen. Emblem dieser historischen Hierarchien ist das sogenannte englische Haus nahe Nafsias Dorf im ländlichen Sudan, das seit Ende der Kolonial-Ära leer steht. Das ändert sich mit der Ankunft des einen kosmopolitischen Kapitalismus verkörpernden Nadir (Hassan Kassala). Der wohlhabende Sohn eines Geschäftsmannes will die bisher ganz ohne Pestizide und Herbizide angebaute Baumwolle durch genmanipulierte Pflanzen ersetzen.
In langen Einstellung badet die Kamera in den frischen Farben der sonningen Landschaft, deren trügerische Idylle schmerzliche Erinnerungen birgt. Lebendig gehalten und wohl auch geformt werden diese von Nafsias Großmutter Al-Sit (Rabha Mohamed Mahmoud), deren unangefochtene Autorität über die Gemeinde zugleich auf ihrem wirtschaftlichen Einfluss als Baumwolle-Magnatin und ihrem Nimbus als Freiheitskämpferin gegen die britischen Besatzer beruht. Die Titel- und Hauptfigur Mirghanis gleichnamigen Kurzfilms von 2020, der als dramaturgische Grundlage diente, wird zum sinnbildlichen Spiegelbild der jungen Protagonistin der märchenhaften Meditation wandelnder Werte.
Fazit
Auf dramatische Didaktik verzichtet Suzannah Mirghanis bittersüße Coming-of-Age-Story zugunsten eines von Mystik und Märchen inspirierten Mosaiks. Dessen eleganter Erzählfluss verknüpft die politische und wirtschaftliche Realität des Sudan mit universellen Konflikten des weiblichen Heranwachsens, das wiederum die strukturellen Entscheidungsfragen der Region reflektiert. Malerische Landschaftsbilder liefern die metaphorisch überhöhten Motive und Signalfarben, die sich durch die imaginative Inszenierung ziehen. Ästhetisierte Naturschönheit und harsche Lebensbedingungen schaffen eine stilistische Spannung, die den ruhigen Rhythmus ausgleicht. Traum und Realität verschmelzen organisch zu einer filmischen Fabel zwischen Abstraktion und Aktualität.
Autor: Lida Bach