In Zeiten eines wachsenden Geschichtsrevisionismus ist ein Film wie Andrzej WajdasDas Massaker von Katyn besonders wichtig. Ursachen, Verläufe, Folgen und Verantwortung für schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden geleugnet, verharmlost oder umgedeutet, Opfer werden zu Tätern gemacht, Sündenböcke werden gesucht und die Geschichte der vermeintlichen Sieger wird zur einzigen Wahrheit erklärt. Aus polnischer Sicht ist das Massaker von Katyn ein Paradebeispiel hierfür. Katyn ist in Polen zum nationalen Symbol für das Leiden Polens unter sowjetischer Herrschaft im Zweiten Weltkrieg geworden. Aufgrund der Gräueltaten der Deutschen wird die Verantwortung der Sowjetunion zu gern übersehen und die Taten der stalinistischen Diktatur geraten schnell in Vergessenheit. Dabei handelte es sich um eine erfolgreiche Kampagne der Sowjets, beginnend unmittelbar mit deren Kampf gegen die deutschen Invasoren, die sie effektiv in der Zeit des Kalten Krieges fortführten. Die vermeintliche Befreiung war damit nichts weiter als eine weitere Unterdrückung. Die Sowjets inszenierten sich als Helden und Befreier und diese Doktrin galt auch in Polen bis zum Fall des Eisernen Vorhangs.
Dabei waren es die Sowjets, die tausende polnische Offiziere zusammentrieben und hinrichteten und in Massengräbern verscharrten. Im Sommer 1942 wurden die Massengräber durch polnische Zwangsarbeiter in den mittlerweile von den Deutschen besetzten Gebieten der Sowjetunion entdeckt und die Deutschen nutzten den Fund schnell für ihre Propaganda, auch um von den eigenen Taten abzulenken. Nachdem die Sowjets dann mit der Rückeroberung begonnen hatten, versuchten sie, die Weltöffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Deutschen für das Massaker verantwortlich waren. Zu dieser Zeit war in der polnischen Gesellschaft aber längst bekannt, wer die wahren Täter waren. Es gab handfeste Beweise und insbesondere Zeugenberichte. Dennoch wurde die Mär von der deutschen Verantwortung für das Massaker auf Geheiß der Sowjetunion als offizielle Geschichtsschreibung auch im polnischen Staat beibehalten.
Wajdas Film zeigt dabei beeindruckend, mit welchen Mitteln gegen Überlebende und Angehörige der Opfer vorgegangen wurde, wenn diese die wahren Verantwortlichen benannten und Gerechtigkeit einforderten. Gerade diese Thematik macht diesen Film besonders sehenswert, weil damit ein Kapitel der europäischen Nachkriegsgeschichte beleuchtet wird, das zu oft in Vergessenheit gerät. Historisch betrachtet leistet der Film einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur, indem er eindrucksvoll zeigt, wie politische Propaganda und staatliche Lügen die Aufarbeitung eines historischen Verbrechens verhindern können. Gleichzeitig macht der Film aber auch deutlich, dass die Erinnerung an solche Ereignisse für die nationale Identität und das historische Bewusstsein eines Landes von großer Bedeutung sein kann. Wajda (Asche und Diamant) verarbeitet mit diesem Film auch seine eigene Familiengeschichte, denn sein Vater war eines der Opfer des Massakers.
Bei aller Wichtigkeit dieses Films und der persönlichen Note setzt der Film aber falsche Prioritäten. Zu sehr wird hier auf die vollständige historische Aufarbeitung geachtet, wodurch sich der Film das ein oder andere Mal in seinen Nebenhandlungen verstrickt und den eigentlichen Fokus verliert. Damit verliert der Film auch zugleich seine emotionale Tiefe, denn Wajda inszeniert den Film recht steril und episodenhaft. Eine engere Bindung zu den Hauptfiguren kommt dadurch nie zustande. Immer wieder gibt es zeitliche Sprünge, neue Figuren tauchen auf, alte Figuren verschwinden und es ist nicht erkennbar, wer nun tatsächlich die Hauptfigur des Films sein soll. Damit fehlt dem Film eine wichtige Identifikationsfigur, um beim Publikum große Emotionen hervorzurufen. Ein weiterer Schwachpunkt des Films ist, dass Wajda voraussetzt, die geschichtlichen Hintergründe zu kennen. Ohne Vorkenntnisse ist der Film teils schwer zu verstehen und vor allem sind die historischen Zusammenhänge nicht ganz nachvollziehbar. Das mag für das polnische Publikum weniger schlimm sein, jedoch kann man solche Vorkenntnisse von einem internationalen Publikum eher weniger erwarten.
Der Film verzichtet weitgehend auf spektakuläre Inszenierungen und setzt stattdessen oft auf ruhige Bilder und konzentriert sich auf die Dramaturgie. Die Erzählweise passt grundsätzlich zur historischen Thematik und sorgt für eine würdevolle und zugleich melodramatische Aufarbeitung der geschichtlichen Ereignisse. Für die Dramatik des Films wäre es indes deutlich besser gewesen, wenn man die Ereignisse während des Zweiten Weltkrieges und das eigentliche Massaker deutlich kürzer dargestellt hätte, um den Schwerpunkt auf die Nachkriegszeit und den Umgang mit der Geschichte anhand der Schicksale und Kämpfe der Angehörigen zu legen. Mit der Einbindung der Tagebuchaufzeichnungen des Offiziers Andrzej (Artur Zmijewski, Escape from the 'Liberty' Cinema) und dem Kampf seiner Ehefrau Anna (Maja Ostaszewska, Green Border) um die Wahrheit schafft der Film durchaus emotionale Momente, die aber immer wieder aufgrund neuer Episoden unter Einbeziehung weiterer Protagonisten sich nicht wirklich entfalten können. Hier wäre weniger vielleicht mehr gewesen, auch wenn man dadurch einige historische Aspekte außen vorgelassen hätte. Dennoch hätte man dann eine klare Struktur gehabt, um die Ereignisse auch intensiver erzählen zu können. So verläuft sich der Film aber immer wieder und irgendwann verliert auch der Zuschauer den Faden.