7.0

MB-Kritik

Das Rasthaus der grausamen Puppen 1967

7.0

Essy Persson
Helga Anders
Erik Schumann
Margot Trooger
Karin Field
Jane Tilden
Dominique Boschero
Gabriella Giorgelli
Ellen Schwiers
Angelika Ott
Balduin Baas
Joachim Teege
Ilse Peternell
Stefan Savo
Rolf von Nauckhoff
Daniele Turk

Inhalt

Nach einem missglückten Raubüberfall wird Betty zu zehn Jahren Haft verurteilt, während ihrem Partner Bob die Flucht gelingt. Nach dem Mord an ihrer Aufseherin flieht Betty gemeinsam mit vier Insassinnen, macht Bob in einem Gasthaus ausfindig und plant mit der neugegründeten Bande eine Entführung, die gehörig schief geht. 

Kritik

„Schnauze, du Klosett-Besen!“

Da sage noch mal einer, es gäbe kein deutsches Exploitation-Kino – sogar auf gehobenem Niveau -, es muss schlicht und ergreifend nur entdeckt bzw. wieder ausgegraben werden, da es seiner Zeit sogar im internationalen Vergleich vermutlich ungünstig voraus war. Fünf Jahre, bevor er Kartoffel-Quetscher Raimond Harmstorf mit viel zu engen Lederhosen als brachialen Bankräuber in Blutiger Freitag inszenierte, schuf der gebürtige Österreicher Rolf Olsen bereits einen deutschen Exploitation-Reißer, der sich mit allen möglichen Wassern gewaschen hatte. Noch bevor Kollegen wie Jack Hill (Spider Baby) oder Jess Franco (Der heiße Tod) offiziell in das streitbare Women-in-Prison-Genre einstiegen, eröffnet Das Rasthaus der grausamen Puppen mit diesem Sujet lediglich einen Plot, der in geschmeidigen 96 Minuten so viele Türen aufmacht, dass es für das allgemein als Genre-feindlich geltende Kino aus Deutschland daherkommt wie ein spektakulärer Wanderzirkus, der leider nur eine Zwischenstopp in diesem fremden Terrain einlegt, bevor er wieder das Weite ziehen muss. 

Von ihrem Partner Bob (Erik Schumann, Der flüsternde Tod) im Stich gelassen muss nun Betty (sehr charismatisch: Essy Persson, Der Todesschrei der Hexen) die Suppe stellvertretend auslöffeln. Im Frauenknast von Glasglow herrscht nicht nur Zucht und Ordnung, sondern besonders eine rigorose Aufseherin, die natürlich lesbisch und in der Kombination mit dieser Machtposition automatisch ein ganz besonders sadistisches Stück ist, die dafür aber postwendet die Rechnung serviert bekommt. Betty und ihren Knast-Schwestern gelingt daraufhin die Flucht und Leichen pflastern ihren Weg, bis sie Drückeberger Bob in einer abgelegenen Taverne in den schottischen Highlands aufspüren. Überrumpelt von so viel Empowerment kann der gar nicht so viel fremdvögeln, wie es zum internen Zerwürfnis benötigten würde, da diese wild zusammengewürfelte Truppe ohnehin so ihre Probleme hat und zudem auch noch eine Entführung plant, an der plötzlich auch noch ganz andere Parteien ihr Süppchen kochen möchten. 

Meine Güte, was ist denn hier alles los? Rolf Olsen spielt lediglich zu Beginn eine Karte, auf der kurz danach ein gesamtes Sub-Genre errichtet wurde und verwandelt das in eine wilde Genre-Mixtur, in der Frauen hemmungslos morden und niederträchtige Intrigen schmieden dürfen, ohne dadurch automatisch als billige Sexobjekte ausgeschlachtet zu werden. Die weiblichen Reize werden durchaus antizipiert, die Damen haben hier aber jederzeit die Hosen an und daraus entwickelt sich ein angenehm-wuseliger Plot, vollgepackt mit kleinen Wendungen, einem garstigen Humor und ungewohnt räudigen Gewaltexplosionen. Mittendrin ist Helga Anders (Häschen in der Grube) als einziges Engelchen unter waschechten Teufelinnen, unterfüttert von einem hervorragendem Main-Theme („Dirty Angels“) und inszenatorisch mit einer unfassbaren Dynamik und Chuzpe, der die nur wenige Jahre zuvor gestartete Edgar Wallace-Reihe aus dem Hause Rialto bereits wie heillos veraltetes Kaffee-und-Kuchen-Kino im Seniorenheim aussehen ließ. 

Fazit

Bedauerlich, dass solche nationalen Produktionen im öffentlichen Diskurs ihrer Zeit praktisch nicht stattfanden. Qualitativ liefert Rolf Olsen hier lupenreines, im Rahmen seiner Mittel sogar hochwertiges Genre-Kino ab, das aber für lange Zeit genauso verschwand wie praktisch alle seiner lokalen Kollegen. Rasant, radikal, mutig und höchst unterhaltsam: viel mehr kann von so einem Film kaum verlangt werden. Oder um den Evangelischen Filmbeobachter (immer eine seriöse Quelle für so was) zu zitieren: „Einer der übelsten Schundfilme der letzten Zeit. Schärfstens abzulehnen!“ Soll in dem Kontext heißen: Viel Spaß!

Autor: Jacko Kunze
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