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Quelle: themoviedb.org

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Auf dem Heimweg wird die New Yorkerin Thana in eine Seitengasse gezerrt und vergewaltigt. Schockiert schleppt sie sich in ihre Wohnung, wo ein Einbrecher bereits auf sie wartet und sich erneut an ihr vergeht. Thana kann den Angreifer überwältigen, erschlägt ihn und versteckt die Leiche in ihrer Wohnung. Mit der Waffe des Täters, einer 45er Magnum, ausgerüstet zieht sie fortan Nacht für Nacht durch die Straßen New Yorks, um sich an der Männerwelt zu rächen.

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Quelle: themoviedb.org

Kritik

Die gewollte Kontroverse, ein stetiger Begleiter des New Yorker Filmemachers Abel Ferrara (King of New York), von seinen Anfängen im Underground- und Independent-Bereich Mitte der 70er bis heute, wo er sich immer noch in der Schwebe zwischen anerkanntem Arthouse-Regisseur und unbequemen Film-Anarchisten befindet. Einer Grauzone, in der er sich offensichtlich sehr wohl fühlt, eben da er niemandem wirklich Rechenschaft schuldig ist. Nach seinem ersten Video-Nasty-Achtungserfolg The Driller Killer von 1979 erregte sein Folgewerk noch mehr Aufsehen. Zum einen, da es in der Tradition einiger erfolgreicher oder wenigstens heiß diskutierter „New York als Moloch-Filme“ seiner Zeit stand, zum anderen natürlich wegen seines radikalen Inhalts, der dafür sorgte das der Film sogar in England und den USA stellenweise zensiert wurde, während die deutsche Fassung seiner Zeit – das kommt auch nicht alle Tage vor – ungeschnitten erschien.

In Die Frau mit der 45er Magnum wird die junge, attraktive, aber auch schüchterne, zurückgezogene und – nicht unwichtig für das weitere Geschehen – stumme Schneiderin Thana (Zoë Lund, schrieb auch das Drehbuch für Ferrara’s Bad Lieutenant; verstarb bereits 1999 mit nur 37 Jahren) innerhalb kürzester Zeit gleich zweimal vergewaltigt. Das erste Mal auf dem Heimweg, als sie ein maskierter Fremder von offener Straße in eine Gasse zieht, sich an ihr vergeht und sie zwischen den Mülltonne wie Dreck zurücklässt. Das zweite Mal im unmittelbar nach der Ankunft in ihrem Apartment, in dem ein Einbrecher ihr auflauert. Da er nichts von Wert findet, nimmt er sich das, was ihm am reizvollsten erscheint, nämlich Thana. Zunächst in komplette Schockstarre verfallen ergreift die junge Frau eine sich bietende Chance und tötet den Eindringling. Statt nun die Polizei oder wenigstens irgendjemanden zu informieren und Hilfe zu holen, begibt sich Thana sofort von der Rolle des Opfers in die eines angeblichen Täters.

Sie verstaut die Leiche in der Badewanne, vergewissert sich das niemand, auch nicht die äußerst aufdringliche und neugierige Nachbarin, etwas von den Ereignissen mitbekommen hat und beschäftigt sich bereits mit der Verwischung der Spuren, obwohl ihre Affekt-Tat natürlich jeder Notwehrprüfung standhalten würde. Aber das steht hier niemals zu Debatte. Thana kehrt mehr schlecht als recht in den Alltag zurück und beginnt, die Überreste des Vergewaltigers – den sie inzwischen zerstückelt hat und im Kühlschrank frischhält – stückchenweise in New York zu verteilen. Seine Waffe, eine 45er Magnum, trägt sie dabei geladen bei sich. Für alle Fälle. Während sie versucht sich ihrer in schwarzen Müllsäcken verpackter „Schuld“ unauffällig und Step by Step zu entledigen, kommt es zu einem ersten Zwischenfall, als ihr ein Mann beängstigend nah kommt. Ein Gefühl ungeahnter Befriedigung, Genugtuung.

Einem Gefühl, das Thana bis dahin nicht kannte: Von Macht. Macht über Leben und Tod, die sie nun in vollen Zügen auslebt, was weit über den angenommen und abseits von Moral und Ethik insgeheim wenigstens halbwegs gerechtfertigten Zweck von Rache und Vergeltung hinausgeht. Die Frau mit der 45er Magnum liegt natürlich nah am Rape & Revenge-Sub-Genre, muss irgendwie auch dazugezählt werden, bewegt sich jedoch schnell weg von dem reinen „Wie du mir, so ich dir“-Grundgedanken. Ein Stück weit begründet in der Biographie von Thana, einer von Geburt an stummen Frau, die wohl nie ihr Unbehagen, ihre Wut, ja nicht mal ihre Angst und Schmerzen laut hinausschreien konnte. Zum Schweigen verdammt in einer Welt voll männlicher Dominanz, die auf besonders widerwärtige Art auf den Straßen der Stadt die niemals schläft hinausposaunt wird. Selbst in besseren Vierteln wie Manhattan sind die Sidewalks gesäumt mit primitiven Balzgebaren, für eine attraktive Frau wird es zum Spießroutenlauf, den man so leider schon als gegeben hinzunehmen hat.

Ferrara’s geschildertes New York erinnert in seiner bewusst, aber wohl nicht zu sehr überzeichneten Art an die vom moralischen Verfall und Gewalt geprägten Gassen von Scorsese’s Taxi Driver oder Friedkin’s Cruising und ähnlich wie einst Travis Bickle hat Thana den stillen Entschluss gefasst, den Abschaum wie einen reinigender Regen in den Bordstein zu spülen. Schnell schießt sie dabei über das Ziel hinaus, verliert sich in dem Rausch des Tötens, der Jagd und des umgedrehten Spießes. Das stumme Reh wurde zu oft in die Ecke gedrängt, ihm sind Zähne gewachsen und nun beißt es unkontrolliert, unverhältnismäßig wütend um sich, wird dabei selbst zum Raubtier.

„Was soll denn die Kriegsbemalung?“

Großwild-Safari im Großstadtdschungel. Als Herrscherin über Leben und Sterben erweitert sie ihren Radius und das Beuteschema, tötet nicht mehr nur noch „gerechtfertigt“ aus Angst und Selbstschutz, schmückt sich und ihre weiblichen Reize (erstmals) aus, damit ihr noch mehr potenzielle Opfer ins Netz gehen. Und wenn dabei eben nicht nur abscheuliche Subjekte kleben bleiben, wird halt genommen was übrig bleibt. Denn mit Rache und der ausschlaggebenden Vergewaltigung(en) (weshalb Rape & Revenge hier maximal der Aufhänger ist) hat das schon längst nichts mehr zu tun. Ferrara unterwandert die „Regeln“ des eh schon kontroversen Sub-Genres und verwandelt seine verletzte und gepeinigte Protagonisten vom zierlich-zerbrechlichen Mauerblümchen mit Alabaster-Puppengesicht in eine grausame, radikale Exploitation-Pseudo-Feministin, deren scheußlicher Amoklauf als höchst provokanter Edel-Reißer in garstiger Überstilisierung einen schockierenden Höhepunkt findet. Stetig begleitet und akustisch-methodisch geschickt mitaufgebaut von Joe Delia’s grandiosen wie unbehaglichen Score wird der Verfall einer einst integren, nun völlig außer Kontrolle geratenen Seele geschildert, die kurz vor dem verstörenden, bizarren bis schon leicht surreal Showdown das Nonnenkostüm über die Reizwäsche streift, bevor sie die vielleicht finalen Patronen liebkost. Aus Verzweiflung ist Wut, ist Obsession und nun purer Genuss geworden, wer braucht da schon noch Männer?

Fazit

Radikales, provokatives und stilistisch trotz eindeutigem Independent-Look hochwertiges Genre-Kino, das nicht legitimieren will, sondern lediglich mit fiebriger Impulsivität ein Ausrufezeichen setzt. Mit fast hypnotischen Qualitäten ausgestattet lädt Abel Ferrara zu einer räudigen Tour durch den Big Apple ein, der sich mit seiner betont hässlichsten Fratze zeigt. 

Kritik: Jacko Kunze

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