Scheinwirklichkeit? Passt. Denn Ein Tag ist schöner als der andere steht mitten in einem bemerkenswerten Widerspruch des Jahres 1969. Während die 68er-Bewegung gegen Autoritäten, starre Konventionen und überkommene Rollenbilder aufbegehrt, pflegt das bundesdeutsche Kino weiterhin seine gemütlichen Heiterkeitsfilmchen. Dort darf die Welt überschaubar bleiben, Konflikte lösen sich möglichst harmlos auf und die Familie bietet Schutz vor einer Gegenwart, die zunehmend komplizierter wird. Kurt Hoffmanns Film ist ein besonders konsequentes Beispiel für diese Flucht ins Vertraute.
Zwischen Aufbruch und Wohnzimmeridyll
Dabei war 1969 keineswegs ein Jahr, in dem sich gesellschaftlich nichts bewegte. Willy Brandt wird Bundeskanzler, die Studentenproteste wirken nach, neue Vorstellungen von Sexualität, Erziehung und Zusammenleben gewinnen an Bedeutung. Im selben Jahr landet der Mensch auf dem Mond. Zwischen gesellschaftlicher Liberalisierung und technischem Fortschrittsoptimismus wirkt die Familie Bender beinahe wie eine Insel, auf der die Zeit langsamer vergeht. Papa gibt zunächst den Ton an, Ordnung und Gehorsam haben ihren festen Platz, und selbst die pädagogische Ohrfeige erscheint noch als akzeptables Mittel.
Interessant wird der Film allerdings dort, wo er sein eigenes Weltbild nicht ganz unangetastet lässt. Die Rollenverteilung innerhalb der Familie gerät durchaus in Bewegung. Vor allem den Frauen wird im Verlauf der Handlung mehr Entscheidungsfreiheit zugestanden. Das ist für einen Film dieser Prägung durchaus bemerkenswert, zumal weibliche Selbstbestimmung nicht grundsätzlich als Bedrohung erscheint. Nur: Sie darf das bestehende Gefüge nicht sprengen. Eigenständigkeit funktioniert, solange sie sich mit den Bedürfnissen der Familie vereinbaren lässt.
Damit formuliert Ein Tag ist schöner als der andere beinahe unfreiwillig ein Gesellschaftsmodell des Übergangs. Die alte Ordnung muss nicht verschwinden, sie darf sich lediglich etwas anpassen. Selbstverwirklichung ist möglich – aber bitte mit Kompromissen. Das patriarchale Fundament bleibt bestehen, während einzelne Stellschrauben neu justiert werden. Aus heutiger Sicht steckt darin eine eigentümliche Mischung aus vorsichtigem Fortschritt und hartnäckiger Beharrlichkeit. Der Film öffnet eine Tür zur Moderne, besteht aber darauf, dass niemand das Wohnzimmer umräumt.
Seine besondere Nähe zur Realität verstärkt diesen Eindruck. Die Vorlage stammt von Hertha und Reinhard von Eichborn, die gemeinsam mit Hoffmann auch das Drehbuch schrieben. Ihre sieben Kinder übernehmen die Rollen der Filmkinder. Gedreht wurde an Originalschauplätzen. Die damalige Kritik warf dem Werk unter anderem „Scheinwirklichkeit“ vor – und tatsächlich wirkt manches weniger wie eine erfundene Geschichte als wie eine idealisierte Selbstbeschreibung.
Wandel ja, Revolution lieber nicht
Allerdings macht gerade die Umsetzung den Film heute schwer zugänglich. Kurt Hoffmann (Das Spukschloß im Spessart) inszeniert ausgesprochen bieder, die Pointen bleiben zahm und das Spiel der Eichborn-Kinder wirkt häufig unbeholfen. Auch Vivi Bach (Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen), die als dänischer Publikumsliebling zusätzlichen Glanz bringen soll, fügt sich nur bedingt organisch ein. Ihre Funktion als Ersatz-Mutter fühlt sich eher nach einer produktionstechnischen Entscheidung als nach einer zwingenden Figur innerhalb der Geschichte an.
So bleibt Ein Tag ist schöner als der andere als Unterhaltungsfilm eine eher mühsame Angelegenheit. Sein gemächliches Tempo und die demonstrative Behaglichkeit dürften selbst Zuschauerinnen und Zuschauer mit einer Vorliebe für nostalgisches Kino auf eine Geduldsprobe stellen. Als Zeitdokument besitzt das Werk dagegen einen ganz eigenen Reiz. Es zeigt nicht die rebellierende Bundesrepublik, sondern jene, die sich nach Stabilität sehnt und den Wandel möglichst geräuschlos in die eigenen vier Wände integrieren möchte.
Gerade deshalb ist der Film heute aufschlussreicher, als seine biedere Oberfläche vermuten lässt. Er dokumentiert eine Gesellschaft, die Veränderungen bereits spürt, ihnen aber noch klare Grenzen setzt. Ein Tag ist schöner als der andere blickt also nicht einfach zurück, sondern zeigt einen Moment des Übergangs: Die Tür zur neuen Zeit steht offen – doch bevor jemand hindurchgeht, wird noch einmal ordentlich aufgeräumt.