In Mexiko öffnet Tere, Musikerin und Komponistin, ihr Zuhause für das Fernsehinterview einer befreundeten Musikerin. Um die Freundin zu beruhigen, erzählt Tere eine exzentrische und charmante Geschichte darüber, wie ihr außergewöhnlich feiner Geruchssinn ihre Kompositionen inspiriert habe. Doch kaum beginnen die zwei Journalisten das Interview, gerät es aus der Bahn, wird unterbrochen und aus dem Takt gebracht: Außengeräusche dringen herein, Maschinen spielen plötzlich auf – und Teres Tochter, eine junge Frau, platzt mit erfrischender Ironie und schonungslosen Reality-Checks in die Szenerie. Mutter und Tochter, beide scharfzüngig und geistreich, schmieden ein zärtliches Bündnis, das die Hypokrisie der Kunstwelt lustvoll zum Einsturz bringt.
Kritik
Klang und Bewegung. Oder einfach nur Lärm? Die erste Einstellung von Nicolás Peredas Komödie über die Musik-Community im urbanen Mexiko ist der einzige Moment des angenehm zurückgenommenen Filmes, in dem wir nicht in der Wohnung von Cellistin Tere (Teresita Sánchez) verweilen. In einer langen Ouvertüre präsentiert uns das Eröffnungsbild mit einer stark befahrenen Straßenkreuzung voller hupender Autos und frustrierter Fahrer*Innen. Eine Symphonie der Stadt im klassischen Sinne. Vom Lärm und der Melodie des innerhalb eines einzigen Tages erzählt Peredas Film und bezieht sich dabei auf die verschiedenen Elemente des täglichen Miteinanders: Als Rahmung dient besagter Lärm, der direkt zum Thema wird, wenn sich ein Nachbar zu Beginn bei Tere beschwert, sie solle doch ihr Cello-Spielen nicht während seiner Arbeitszeiten durchführen. Was für die einen einfühlsame Melodie ist, ist für die anderen ein Störgeräusch. Lärm und Musik dienen jedoch eher als Einführung in die essenziellste Komponente des Filmes, der zwischenmenschlichen Kommunikation, wenn Tere ihrer Freundin und Cello-Kollegin Rosa (Rosa Estela Juárez Vargas) ihre Wohnung als Location für ein Fernseh-Interview überlässt.
Bei Eintreffen des Kamera- und Tonteams überschlagen sich schließlich die Diskussionsthemen und legen die Grundlage für eine amüsante und tiefgreifende Reflexion über das Showgeschäft, gespickt mit großen und kleinen (Un-)Wahrheiten. Der größte Reibungspunkt innerhalb der Gespräche entsteht dabei außerhalb des geplanten Interviews: Der hochprofessionelle und leicht prätentiöse Interviewer Lázaro (Lázaro G. Rodríguez) findet Gefallen an der spielerischen Art von Tere, welche ihm eine erlogene Geschichte über den vermeintlichen Ursprung ihres Gespürs für Musik, als basierend auf ihrem ausgeprägten Geruchssinn, auftischt. Als sie weiter erzählt verschwimmen jedoch bald die Grenzen zwischen Lüge und treuer Nacherzählung, besonders wenn ihre Tochter Luisa (Luisa Pardo) schließlich auftaucht und deutlich besser durch Teres Geschichten schauen kann. Über dem Gesagten schwebt permanent der Schatten des Ungesagten wenn Peredas Film schließlich zum Porträt zufälliger, enger und auch abwesender Beziehungen mutiert. Der Dialog als eine der essenziellsten Komponenten des Kinos wird dabei einer besonderen Investigation unterzogen: Ab wann sagen wir etwas und ab wann ist es nur Geräusch? Und wie viel Wahrheit steckt in einer Lüge?
Dabei rahmt Pereda die Interview-Konstellation immer wieder als Teil eines größeren Bildes, der urbanen Existenz. Ständig dringt das laute Bellen eines Hundes in die Wohnung und stört den Dialog, die Geräusche der Straße bleiben weiter hörbar. Am deutlichsten wird die permanent eindringende Stadt aber durch den immer wiederkehrenden Stromausfall, welcher erst zum Problem für die Aufnahme wird, in den späteren Abendstunden aber auch das Sehen erschwert. Wenn dennoch das Licht der Laternen auf die Decke ein Schattenspiel entwirft, beweist Peredas Film, dass er auch im Angesicht der Dunkelheit Bilder finden kann. Everything Else Is Noise hat in seiner Entschleunigung und seiner kompakten Erzählung ein behutsames Gespür für die notwendige Kommunikation, jedoch auch dafür, wenn diese verzerrt werden muss. Manchmal spielt der Film nahezu mit seinem Publikum: Zuerst in einer Szene, in der sich Rosa, Luisa und Tere endlich unter sich unterhalten und deren Stimmen dennoch stumm bleiben, während der belanglose Talk zwischen Interviewer und Tonmann im Raum nebenan hörbar bleibt. Auf einmal erschafft der Film selbst Lärm durch seine Dialoge. Zwar trennt in solchen Sequenzen Pereda Profundes von Profanem etwas zu deutlich, im Gesamtbild aber lässt dies andere Sequenzen umso stärker entfalten, wie etwa wenn wir Tere mehrere Minuten lang beim Cellospielen hören und sehen und alle anderen ihr Publikum werden.
Fazit
Mit „Everything Else Is Noise“ gelingt Nicolás Pereda ein beachtliches Kammerspiel, in dem sich urbane Entfremdung und Annäherung mit größeren Lebenslügen im Porträt einer mexikanischen Musik-Community vereinen. Mit subtilem Humor und einem spielerischen Inszenierungsstil reicht der kurze Blick eines einzigen Tages als Abtauchen in den Schall, denn das eigene Leben um sich wirft.
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