7.5

MB-Kritik

Florentina Hubaldo, CTE 2012

Drama

7.5

Dante Perez

Inhalt

Der Film erzählt in zwei Episoden von Florentina Hubaldo, einer jungen Frau, die von ihrem Vater zur Prostitution gezwungen wird und davonkommen will, und zwei Schatzgräbern, die auf der Suche nach Erlösung alsbald an Hoffnung und Empathie verlieren.

Kritik

Der philippinische Regisseur Lav Diaz, bekannt für seine Schwarzweiß-Filme mit ausufernden Spielzeiten von mindestens vier bis manchmal gar mehr als zehn Stunden, ist wütend. Grund dafür ist sein Land, die Vorgänge in dem selbigen, das Verhalten der Regierung, die Art und Weise, wie alle hilflos dabei zuschauen, wie unzählige Menschen ihr Leben aus den eigenen Händen gerissen wird. Florentina Hubaldo, CTE ist ein nun sechsstündiger Film des Regisseurs, den der Online-Streaming-Service Mubi als letztes Werk einer Diaz-Retrospektive gezeigt hat. Der Autor dieser Kritik, der vor gut zwei Monaten noch leicht enttäuscht von Evolution of a Filipino Family zurückgelassen wurde, wurde nun Zeuge des zermalmenden Schicksals von Florentina Hubaldo. Ein Mensch, irgendwo zwischen Mädchen und junger Frau, die von ihrem Vater zur Prostitution gezwungen wird, deren Mutter sie zur regelmäßigen Abtreibung begleitet. Und so breitet Lav Diaz in seiner Länge eine Geschichte aus, die von einer immensen emotionalen Kraft gekennzeichnet ist und so schnell nicht verdaut werden kann.

Als Florentina (umschlagend, Hazel Orencio) nach gut zwei Stunden beginnt, sich vorzustellen, mag man zunächst denken, sie würde mit dem Zuschauer reden. Sie erzählt von ihrem Namen, wo sie herkommt, wann sie umzog, was ihr Vater mit ihr macht. Sie erzählt alles in einem Tonfall, der derart unschuldig entwaffnend ist, dass es einem den Boden unter den Füßen wegziehen würde. Würde, wenn zu diesem Zeitpunkt Hoffnung nicht bereits ein Fremdwort wäre. Es dauert nicht lange, bis Lav Diaz das unbeschreibliche Leben von Florentina wie eine rostigen Eisenstange in die Magenkuhle des Zuschauers rammt. Wie ein Geist, eine verlorene Seele steht sie dann barfuß eines Nachts am Straßenrand und wartet im Regen. Wartet darauf, dass jemand anhält, den sie mit zu ihrem Haus nehmen kann. Wartet, dass jemand anhält und sie weit weit weg bringt. Sie tanzt, kurz davor war der Regen übermäßig laut, jetzt ist er nicht zu hören. Das Tanzen wird mit der Zeit ausfallender, Florentina zieht immer größere Kreise. Auf der Suche nach einer eigenen Existenz in einem Land, in dem dafür kein Platz ist.

Wenn Florentina von ihrem Leben berichtet passiert das über eine Dauer von gut zehn Minuten - die letzte Einstellung des Films wird darauf Bezug nehmen. Sie berichtet mal verträumt, mal schmerzzerrissen. Nach einer Weile beginnt sie ihre Geschichte erneut zu erzählen, vielleicht auf der Suche nach einer besseren Wahrheit, vielleicht ehrlich vereinsamt, wahrscheinlich einfach nur brutal ehrlich, ganz sicher aus Verwirrung. All die Gewalt - physisch wie psychisch - die diese Frau erlebt, kann nicht schadlos an ihr vorbeiziehen. Es offenbart sich hier vielleicht eine der besten Szenen, die Diaz je gedreht hat. Doch derer hat Diaz hier gleich mehrere. Zum Beispiel in einer Szenerie im Wald, wo Florentina erneut zu tanzen beginnt. Auch ihre Schwester / eine jüngere Version von ihr gleitet spielerisch durch Wald und Wiesen. Eine ähnliche Einstellung bringt dieses Idyll und die emotionale Erleichterung für den Zuschauer jedoch nicht nur ins Wanken, sondern ins absolute Verderben; Florentina durchbricht die Vierte Wand und fleht den Zuschauer an.

Die Republik der Philippinen ist ein Land, das einige Probleme hinter sich gebracht hat und noch einige Probleme ausmerzen muss. Der derzeitige Präsident des Landes hat im Wahlkampf versprochen, eine Hexenjagd auf alle Drogensüchtige und -dealer zu eröffnen. Enttäuscht hat er nicht. Seitdem geschahen mehrere Hundert Morde, die von der Justiz nicht verfolgt werden. In der Realität ein Staatsoberhaupt, das seine Bevölkerung ausnutzt, mit ihr spielt und sich mit der Ware Mensch angefreundet zu haben scheint. Im Film ein Vater, der seine Tochter ausnutzt, sie mit Gewalt in ihre Grenzen weist, ihr Leben und Identität nimmt und sie solange zurechtstutzt, bis sie nur noch aus Müdigkeit von den Vergewaltigungen, den Schlägen und den zerplatzten Hoffnungen wimmernd auf dem Boden liegen kann. Diaz’ Radikalität bohrt sich ebenso in den Magen und die Seele des Zuschauers wie die Gewalt in den und die von Florentina. In dieser Thematik ist Lav Diaz’ Florentina Hubaldo, CTE tatsächlich ein brauchbarer und erschreckender Beitrag zu der Thematik, die auch die Purge-Reihe gewissermaßen behandelt. Bloß mit dem Unterschied, dass Letztere anspruchsloser und dümmer nicht sein könnte.

Fazit

Lav Diaz ist wütend. Er zeigt eine Nation, deren Kinder dem Wahnsinn verfallen. Menschen sind Waren, Menschen verlieren reihenweise ihre Identität, ihr Sein und jeglichen Selbstwert. Diaz wird hier immer wieder überraschend filmisch und kehrt sich hier und da von dem dokumentarischen Naturalismus ab; so bietet er Kamerabewegungen, Einstellungen, die Gemälden gleichen, Spielereien mit dem Ton und dergleichen mehr. "Florentina Hubaldo, CTE" ist ein emotionales Biest von einem Film, eine Naturgewalt, die den Zuschauer vereinnahmt und ihm kräftig die Gurgel zudrückt. Wenn ein Voiceover bei Stunde 5 erneut erklingt und sich ein Reisbauer fragt, was der Sinn des Lebens von Frauen wie Florentina Hubaldo sei, dann zeigt Diaz die Wasseroberfläche eines Feldes umgeben von Wald und Himmel. Ein Teufelskreis der Spiegelungen. Ein Kommentar auf die Situation einer Nation. Das Wasser ruht, wie ein hilfloser Zuschauer, der eingreifen möchte, aber nicht kann. Das Wasser kann nicht helfen, nur beklagen.

Autor: Levin Günther
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