Inhalt
Einem Jäger in abgelegenen Hochebenen Indiens wird sein versteckter Wildvorrat gestohlen. Erzürnt verfolgt er die Fährte des Eindringlings. Es beginnt ein erbitterter Kampf ums Überleben, bei dem sie die Rolle von Beute und Jäger beständig verschieben.
Kritik
Indiens raue Bergwelt, in der die malerische Natur die Oberhand über den Menschen hält und uralte Mythen lebendig scheinen, wird zur imposanten Kulisse eines unerbittlichen Überlebenskampfs, in dem sich mystische und moralische Grenzen verwischen. In seinen Grundzügen gleicht das Szenario Ridham Janves jüngsten Spielfilms, der in Shanghai in der Sektion New Asian Talent seine Premiere feiert, auffällig dem seines 2020er Spielfilms The Gold-Laden Sheep and the Sacred Mountain. Doch der grimmige Tenor und die mythische Stimmung verleihen dem kargen Survival Thriller voller archetypischer Figuren und spiritueller Bezüge eine ganz eigene Aura.
Darin vermischen sich folkloristische Elemente, wie sie die Ehefrau des Jägers (Chamel Singh) im Zentrum der symbolreichen Story in einer Erzählung heraufbeschwört, mit modernen Motiven aus Revanche-Krimi und Wildnis-Abenteuer. Die imposante Landschaft und menschliche Schwächen werden zeitlose Bande alter und neuer Märchen zu einer packenden Parabel von Brutalität und Blutdurst, die den männlichen Figuren auf unterschiedliche Art zum Verhängnis werden. Eines Tages findet der Hauptcharakter, der durchgehend nur „der Jäger“ genannt wird, seine Jagdverstecke aufgestöbert und seine Beute gestohlen. Voller Wut folgt er über Tage der Fährte des Eindringlings (Saroj Kumari).
Mit der Kaltblütigkeit eines Raubtiers verteidigt er sein Revier, das er mit der Kaltblütigkeit eines Raubtiers verteidigt. Der Dieb ist jedoch nicht weniger skrupellos als sein Verfolger und nutzt dessen Schwächen, um in doppeltem Sinn selbst zum Jäger zu werden. Als wechselnde Erzählerstimme begleiten die Gedankengänge dessen, der gerade dem blutigen Pfad folgt, das schicksalhafte Geschehen. Dessen konzentrische Struktur und fatalistische Düsterkeit dekonstruieren das romantisierte Bild archaischer Männlichkeit und abenteuerlicher Naturbezwingung zu Gunsten eines desillusionierten Bildes sinnloser Gewalt. Deren dezidiert männliche Konnotation bringt einen feministischen Unterton in den cineastischen Kreislauf von Vergeltung und Tod.
Fazit
In elegischen Bilder verfolgt Mehl Bhantis evokative Kamera den dem Untergang geweihten Antagonisten Ridham Janves atmosphärischen Survival Dramas. Dessen grandiose Bergpanoramen kontrastieren in ihrer unbezwungenen Schönheit mit der Korruption der menschlichen Zivilisation. Das naturalistische Ensemble, in dem professionelle Darstellende auf Laien aus der lokalen Umgebung treffen, verleiht den allegorischen Charakteren eine seltene Authentizität. Subjektive Stilmittel wie die visuelle Wiederholung blutiger Schlüsselszenen schaffen eine formale Analogie zu den dramaturgischen Ellipsen. Ethnographische und epische Facetten verdichten sich zu einer philosophischen Parabel über animalische Seite der menschlichen Natur, die sich selbst zum Verhängnis wird.
Autor: Lida Bach