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Im Oktober 2008 überrascht Joaquin Phoenix die Öffentlichkeit mit der Ankündigung, seine Karriere als Schauspieler zu beenden. Er wollte von nun an Rapper sein. Seine öffentlichen Auftritte wurden von da an immer merkwürdiger. Phoenix war nur noch ungepflegt und mit Zauselbart zu sehen, interessierte sich wenig für sein Gegenüber und wirkte beständig geistesabwesend und/oder auf Drogen. Eine erste Bühnenshow als Rapper sowie ein legendärer Auftritt in der Talkshow von David Letterman ließen ihn zum Gespött von Hollywood werden, während sich andere ernsthaft um die Gesundheit von Phoenix sorgten. Immer mit der Kamera dabei war sein Schwager und Schauspielkollege Casey Affleck. „I’m still here“ ist das Ergebnis von dessen Beobachtungen, ein Blick hinter die Kulissen, der zeigt wie es wirklich war. Oder doch nicht?
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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Es war eine offensichtliche Ente. Ein Prank, ein Lausbubenstreich, eine eigentlich spontan anmutende Schnapsidee. Joaquin Phoenix (Joker) ließ die Öffentlichkeit mit seiner absurden Mittteilung zunächst schmunzeln, schockierte sie in der Folge aber mit deren konsequenten Umsetzung: Unmittelbar nach Drehschluss seines letzten Films Two Lovers im Jahr 2008 gab er bekannt, dass er die Schauspielerei ab sofort an den Nagel hängen und fortan eine Karriere als Rapper starten würde. Als die Promo-Tour zum Film erst anlief, war aus Joaquin Phoenix längst J.P. geworden. Übergewichtig, zauselig, verwahrlost, zugedröhnt, sozial völlig inkompetent und von dem Gedanken besessen, sein gruselig-wirres, talentloses Pseudo-Meta-Hip-Hop-Geschwurbel würde die Welt erobern. Am Anfang witterten alle die Finte, mit der Zeit wich das Lächeln einem irritierten Kopfschütteln. Konnte man hier wirklich dem wohl talentiertesten Darsteller seiner Generation beim öffentlich vorgetragenen Verlieren seines Verstandes zusehen? Eine Karriere, ein Leben am Rande des Nervenzusammenbruchs und der vollständigen Selbstzerstörung?

Allein die Tatsache, dass es Phoenix und seinem Schwager/Buddy/Regisseur Casey Affleck (Manchester by the Sea) gelang, durch ihre Beharrlichkeit und Disziplin das Offensichtliche über so einen langen Zeitraum nicht nur in waschechte Zweifel zu verwandeln, sondern im Prinzip gleich zweimal eine Bombe platzen zu lassen (1.: Die ursprüngliche News und 2.: Als man bereit war es zu glauben, war es doch so wie vermutet), ist eine große Errungenschaft. Konzeptionell ist I’m Still Here ein kleiner Geniestreich. Es ist deutlich mehr als ein ausschweifend angelegter Jux, den alle Beteiligten mit standhafter Konsequenz über einen unendlich langen Zeitraum (Pausen nur in den intimsten Momenten möglich, jeder kleine Fehler könnte selbst dort alles zerstören) durchziehen. Es ist ein Akt der Selbstaufgabe. Method Acting auf einem schon grenzwertig hohen Niveau. Denn Joaquin Phoenix steigert sich nicht in einer Rolle hinein, er wirft sein ganzes (öffentliches) Leben weg und verwandelt sich für alle außerhalb eines sehr kleinen Kreises in ein bizarres Alter Ego, mit dem und dessen fremdschambehafteten Auswirkungen er für fast zwei Jahre leben musste – bei voller, geistiger Gesundheit (nehmen wir mal an). Was für ein Kraftakt, was für eine Selbstbeherrschung, was für ein Irrsinn. Masochismus im Sinne der Kunst – oder vielmehr eines interessanten Experimentes.

Mit diesem spleenigen Vorgehen demaskieren Affleck & Phoenix nicht etwa, wie gerne die Regenbogen- und Gossip-Presse auf jeden hingeworfenen Knochen geiert, sondern wie sich selbst Medienprofis und echte Insider hinters Licht führen lassen, egal wie absurd das Ganze erscheinen mag. Da man dort gewohnt ist, dass nur das Publikum für dumm verkauft wird. Hier fallen die Masken nicht nach Drehschluss und Joaquin Phoenix liefert eine unfassbare Performance ab. Bestehend aus Selbstkasteiung, Schadenfreude und schierer Brillanz. Das Problem von I’m Still Here ist leider die zu ausgiebig präsentierte, künstliche Dramaturgie. Die natürlich stets in der Rolle bleibt, aber eben reines Schauspiel zwischen eigeweihten Personen ist und gerade gegen Ende zu sehr ausufert. Der „Sideplot“ mit Anton inklusive Fäkal-Showdown oder das schwermütige Finale sind unnötig. Sicher wird dadurch noch mal deutlich auf den Unsinn verwiesen, durch den auch drittklassige Reality-Soaps eine gewisse „Seriosität“ vorgaukeln, dieser Film hätte es aber so nicht nötig gehabt. Seine ganz großen Stärken sind die Sequenzen, wenn J.P. mit Promis auf Augenhöhe agiert und sie alle ihm auf dem Leim gehen. Wenn er Ben Stiller hemmungslos ans Bein pisst, der legendäre Auftritt bei David Letterman und – pures Gold – Sean „Diddy“ Combs mit seinem musikalischen Müll wie der selbstgerechten Attitüde augenscheinlich bis aufs Blut reizt, der aber versucht die Contenance zu bewahren. Und er ihn immer weiter triggert. Wunderbar.

Fazit

„I’m Still Here“ ist ein Experiment. Ein mutiges, ein effektvolles, ein bemerkenswertes. Mit einem schier waghalsigen Einsatz von Joaquin Phoenix, der aus dem Nichts All In geht und dafür am Ende belohnt wird. Nicht mit einem hervorragenden Film, denn dafür ist das Ganze nicht ausgewogen genug zwischen Spielerei und Feldversuch; zwischen famos und unausgegoren bzw. überambitioniert. Aber seine persönliche Einsatzbereitschaft und Leistung ist phänomenal. Sehenswert, wenn auch nur einmalig.  

Autor: Jacko Kunze

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