Kolumbien im 19. Jahrhundert: Das junge schwedische Paar Karl und Petronella zieht auf der Suche nach Reichtum flussabwärts durch vom Unabhängigkeitskrieg verwüstete Landstriche. Ihr Abenteuer kommt vom Kurs ab und gleitet allmählich ins Surreale und Entrückte.
Kritik
Elliptische Formen sind omnipräsent in Manuel Ponce de Leóns surrealem Spielfilm-Debüt als eines zahlreicher Symbole der Zyklizität historischer, soziologischer und psychologischer Prozesse. Diese philosophische Perspektive führt den linearen Verlauf der Geschichte zu einer Kreisstruktur, in der die Worte „Vergangenheit“, „Gegenwart“ und „Zukunft“ ihre Bedeutung verlieren. Die Rahmenhandlung im zeitgenössischen Kolumbien visualisiert das komplizierte Konzept mit einem gleichsam eingängigen und vieldeutigen Bild, das auf den symbolistischen Subtext der im 19. Jahrhundert angelegten Binnenhandlung verweist. Buchstäblich gelenkt vom Fluss der Geschichte treiben die Charaktere in metaphysische Sphären.
In der ersten Einstellung fährt Petronella (eindrucksvoll: Camila Bejarano Wahlgren, Comedy Queen) auf dem Beifahrersitz eins Mopeds auf einer Schnellstraße in den Bergen. Die Reise führt sie um fast zwei Jahrhunderte zurück ins Kolumbien der späten 1820er Jahre. Ein Jahrzehnt des Bürgerkriegs hat selbst am Rande des Dschungels seine Spuren hinterlassen. Zwar hat Simón Bolívar die Unabhängigkeit von Spanien gewonnen, doch der Zerfall Gran Colombias ist bereits greifbar. In dieser versehrten Welt hofft das schwedische Paar Karl (Frederik Lundin) und Petronella ein neues gemeinsames Leben zu beginnen.
Doch der Traum von Reichtum und dem Zurücklassen blutiger Schuld verliert sich in einer Landschaft, deren Schönheit von kolonialistischen Kräften zerstört und deren Schätze bereits geplündert wurden. Die fiktionalisierte Migration ist physischer Ausdruck einer existenziellen Wanderung durch eine subjektiv verzerrte Erinnerung. Dass beide in einem Boot mit der Strömung treiben, unterstreicht ihre Ohnmacht auf der vermeintlich selbstgesteuerten Reise. Ich und Identität zerfallen sukzessive, während Petronellas gedankliche Monologe Fragmente Leon de Greiffs‘ Gedichte zitiert. Dialog und sich wiederholende Landschaftskulissen variieren rhythmisch ein poetisches Thema.
Der vornehme Status der archetypischen Charaktere erntet nur Spott bei den ominösen Gestalten, die zu ihren unzuverlässigen Führern in dieser fremden Welt werden. Die Liaison der ungleichen Figuren, deren Gefühle füreinander bereits verblasst sind, spiegelt die strategischen Allianzen der Kolonisten. Sie suchen in der neuen Welt nach den alten Strukturen, vor denen sie scheinbar geflohen sind. Ihre Zukunftsvision ist eine Reflexion einer verlorenen Vergangenheit. Das Leben der Moderne, das nüchterne Dokumentarbilder einfangen, ist Echo der phantasmagorischen Vergangenheitsszenen, die Angelo Faccinis Kamera in das Chiaroscuro spätbarocker Gemälde taucht.
Fazit
Inspiriert von Leon de Greiffs poetischem Oevre entfesselt Manuel Ponce de Leóns lyrisches Langfilm-Debüt eine mystische Memoire, in der geographische Bewegung soziologische Prozesse spiegeln und jede gespenstische Begegnung auf eine politische Koalition oder Kollision deutet. Atmosphärisch dichte Kameraaufnahmen beschwören die Opulenz klassischer Malerei als spukhaften Schatten verfallenden Glanzes. Untrennbar verwoben mit zeitpolitischen Lage, erscheint die von verdrängter Gewalt und Ausbeutung geprägte Landesgeschichte geleitet von den gleichen Fragen nach Zugehörigkeit und Autarkie. Wasserläufe und verlassene Wege symbolisieren neben imperialistischen Irrpfaden auch die opake Textur des hypnotischen Szenarios.
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