MB-Kritik

Incinerator 2026

Inhalt

Die zehnjährige Kozue, die in der Schule definitiv nicht zu den beliebten Kindern zählt, verbringt ihre Zeit heimlich damit, verschiedene Gegenstände in den Verbrennungsofen der Schule zu werfen. Als der Student Jinta in ihre Klasse kommt und die Kinder zu einer Schattenspielvorführung einlädt, erwacht etwas in Kozue, und ihr Weg ins Erwachsenenalter beginnt.

Kritik

Was auch immer an flüchtigen Gefühlen einer im Verschwinden begriffenen Kindheit in Kaori Ekunis Kurzgeschichte, auf der Shuntaro Uchidas träumerische Coming-of-Age-Story basiert, greifbar waren: Die nostalgische Sommergeschichte verbrennt sie in einer kunsthandwerklichen Aura melancholischer Märchenhaftigkeit, die sich gleich eines verklärenden Schleiers über die diffizilen Facetten des äußerlich schlichten Szenarios legt.  Soziale Ausgrenzung, psychosomatische Leiden und nihilistische Rituale werden zu kuriosen Kinderspielen in einem Jugenddrama, dessen schwärmerische Sentimentalität und gemächliches Tempo die unterschwelligen Konflikte systematisch überlagern. 

Ähnlich der zehnjährigen Kozue (Karin) lässt sich das elegische Szenario durch die pittoresken Sommertage in einer japanischen Kleinstadt treiben. Eine erdrückende Müdigkeit befällt auch Kozue. Regelmäßig zieht sich aus dem Schulunterricht zurück, um im Krankenzimmer zu schlafen. Ob ihre physische Erschöpfung nur Lustlosigkeit ist, Symptom einer körperlichen Krankheit oder Warnzeichen einer entstehenden Depression, bleibt vage. Uchidas Interesse an der verschlossenen Einzelgängerin, deren Außenseiter-Status an der Schule ebenso gut selbstgewählt sein könnte, beschränkt sich auf deren erwachende Sexualität.

Diese fundamentale Wandlung signalisieren verspielte Metaphern, deren Assoziationen mit Kindlichkeit den pathologischen Unterton verstärken. Student Jinta (Taiki Shinozuka) lädt Kozues Klasse zu einem von ihm mit aufgeführtem Schatten-Theaterstück ein. Als Beispiel ihrer Kunst zeigt er eine Baby-Silhouette, die Kozue förmlich hypnotisiert. Fortan fühlt sie sich magisch angezogen von Jinta, dessen männliche Schaffenskraft ihr eine neue Welt eröffnet. Destruktive Triebe, die sie durch das Einäschern kleiner Objekte im Verbrennungsofen hinter der Schule kompensiert, weichen emotionaler Offenheit.

Fazit

Warme Farben und schimmernde Lichtgebung geben Shin Yonekuras Kameraaufnahmen eine Aura von Geborgenheit und Unbeschwertheit, in der die zwiespältigen Implikationen kindlicher Sexualisierung kaum merklich Gestalt annehmen. Weibliche Autarkie wird als Infantilität interpretiert, während das scheinbar unvermeidliche - und innerhalb des Plots befremdlich frühe - Erwachen heteronormativer Romantik geistige Reifung impliziert. Eine ältere Männerfigur ist essenziell für diesen Prozess, den die verzärtelte Bildsprache zur emotionalen Epiphanie sublimiert. Das intuitive Schauspiel der jungen Hauptdarstellerin deutet beständig eine komplexe Gefühlswelt an, die allegorischer Ästhetizismus erstickt. 

Autor: Lida Bach
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